Die Frage, die Claudia nicht mehr losließ
Wie möchtest du leben, wenn du älter wirst – nicht mit Blick auf die passende Partnerschaft, sondern auf die Menschen, die im Alltag für dich da sind? Genau diese Frage stellte Claudia aus Dresden eines Tages öffentlich ihrer Nachbarschaft bei nebenan.de.
„Die Frage, wie ich später einmal leben möchte, beschäftigt mich schon länger", erzählt Claudia. Sie hat ältere Freundinnen und Freunde, erlebt bei ihren eigenen Eltern, wie sehr sich das Leben verändert, wenn man älter wird und Unterstützung braucht. In ihrer letzten Urlaubswoche kam dann der spontane Impuls: „Ich stelle diese Frage jetzt einfach einmal öffentlich. Warum immer nur darüber nachdenken? Vielleicht beschäftigt das ja auch andere Menschen."
Es ging ihr ausdrücklich nicht um Partnersuche, sondern um neue Wohn- und Lebensformen – Mehrgenerationenwohnen, Hausgemeinschaften – und um gegenseitige Unterstützung im Alltag. „Ich finde es wichtig, darüber nicht erst nachzudenken, wenn man alt, krank oder bereits auf Hilfe angewiesen ist", sagt sie.
Eigentlich müssen wir viel früher überlegen: Wie wollen wir leben? Welche Beziehungen und Netzwerke wollen wir aufbauen?
Verbunden statt vereinzelt
Angst vor Einsamkeit im Alter hat Claudia nach eigenen Worten nicht. „Ich bin ein optimistischer, aktiver Mensch, gehe auf andere zu und habe grundsätzlich großes Vertrauen darin, dass sich vieles gestalten lässt", sagt sie – auch wenn irgendwann der Moment kommen kann, an dem man Unterstützung braucht.
„Mich beschäftigt deshalb weniger die Angst vor dem Alleinsein als die Frage: Wie können wir selbstständig und unabhängig bleiben und trotzdem füreinander da sein?", erklärt Claudia. Gemeinschaft bedeutet für sie nicht, dass alle ständig alles gemeinsam machen oder unter einem Dach leben – sie möchte ihre Eigenständigkeit behalten. Aber sie findet die Vorstellung schön, Menschen in der Nähe zu haben, mit denen man unkompliziert einen Kaffee trinkt, gemeinsam kocht, einen Garten nutzt oder sich im Alltag gegenseitig unterstützt.
13 Frauen im Park: Ein Nachmittag, der alles ins Rollen brachte
Auf ihren Beitrag meldeten sich innerhalb von drei Wochen rund 20 Nachbar:innen – vor allem Frauen, viele mit ganz persönlichem Bezug zum Thema. Claudia bat um private Nachrichten, und aus den ersten Rückmeldungen wurde innerhalb weniger Tage ein Treffen in einem Park in ihrem Stadtteil.
Dass am Ende 13 Frauen kamen, hatte Claudia selbst nicht erwartet. „Ich hatte mit ein paar Menschen gerechnet, aber nicht mit einer solchen Resonanz", sagt sie. Besonders die Offenheit und Herzlichkeit der Runde hat sie beeindruckt: Frauen von Ende 30 bis Anfang 80 saßen zusammen – allein lebend oder in Partnerschaft, mit langjähriger Erfahrung in gemeinschaftlichen Wohnformen oder einfach neugierig auf neue Kontakte.
„Sehr deutlich wurde in der Vorstellungsrunde, dass viele sich unkomplizierte Kontakte wünschen", erzählt Claudia. „Hinter der Frage nach dem Wohnen im Alter steckt offenbar noch etwas viel Grundsätzlicheres – nämlich der Wunsch nach Zugehörigkeit und verlässlichen Beziehungen im Alltag."
Was aus dem Treffen wurde
Schon vor dem Park-Treffen hatte die Runde diskutiert, wie sie sich langfristig organisieren wollte. Ein Nachbar schlug eine offene Gruppe direkt bei nebenan.de vor, „damit niemand außen vor bleibt" – genau die hat Claudia im Anschluss eingerichtet. Daneben entstand aus dem ersten Treffen eine WhatsApp-Gruppe, und bei nebenan.de kommen seitdem weiterhin neue Interessierte dazu. Ein weiteres Treffen hat bereits stattgefunden, initiiert von einer Teilnehmerin.
Beim ersten Treffen war auch eine Frau dabei, die bereits Erfahrung mit gemeinschaftlichen Wohnformen hat. Sie machte deutlich: Gemeinschaft klingt wunderbar, ist aber nicht automatisch konfliktfrei – man muss lernen, Bedürfnisse auszuhandeln und gute Strukturen zu entwickeln. Deshalb plant Claudia als Nächstes einen Informationsabend zum Thema Wohnen im Alter, um zu schauen, welche Modelle es in Dresden bereits gibt. „Mir ist wichtig, dass es nicht ausschließlich eine digitale Gruppe bleibt", betont sie. „nebenan.de ist wunderbar, um Menschen zusammenzubringen – aber wenn es um Gemeinschaft geht, müssen irgendwann auch reale Begegnungen entstehen."
Die Gruppe ist noch jung, was am Ende daraus wird, weiß Claudia noch nicht – und genau das findet sie spannend. „Im Idealfall entwickelt sich irgendwann etwas Konkretes, vielleicht eine Wohnform oder eine bestehende Gemeinschaft, an die einige von uns anknüpfen können", sagt Claudia. „Vielleicht entstehen aber auch einfach Freundschaften und ein Netzwerk von Menschen, die füreinander da sind."
Wie du selbst anfangen kannst
Claudias Rat an alle, die eine ähnliche Frage in ihrer Nachbarschaft stellen möchten, sich aber nicht trauen: einfach anfangen, und ruhig kleiner und näher, als man zunächst denkt. „Manchmal liegt das Naheliegendste direkt vor der eigenen Haustür", sagt sie. „Vielleicht beginnt es damit, einfach einmal beim Nachbarn zu klingeln, im Hausflur ins Gespräch zu kommen oder zu fragen: Wie geht es dir eigentlich?"
Sie selbst hatte weder Konzept noch fertigen Plan, sondern nur formuliert, was sie beschäftigt – und gefragt, ob es anderen ähnlich geht. „Man muss auch nicht gleich ein Wohnprojekt gründen. Vielleicht beginnt alles erst einmal mit vier Menschen, die zusammen Kaffee trinken. Man kann selbst eine Tür öffnen und schauen, wer hindurchkommt."
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