Außenansicht des Kunst Pavillon '61
Bild: Gerhild Karpf

Vom leeren Laden zum Kunst-Zuhause: Art Pavillon ‘61


Aus einem leerstehenden Ladengeschäft in Berlin-Schmargendorf wurde ein Ort für Kunst, Musik und echte Begegnung – entwickelt von drei Nachbar:innen, die sich vorher kaum kannten.

Ein Laden mit Geschichte

Ein italienisches Bekleidungsgeschäft, dann: nichts. Vier Jahre lang stand der kleine Ladenpavillon leer, einer von mehreren 60er-Jahre-Pavillons in einer Ladenpassage, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Heute ist genau dort der Art Pavillon ‘61 zu Hause – ein Ort für Kunstausstellungen, Konzerte, Lesungen und Kabarett, Tango-Liederabende und Auftritte von Gastkünstler:innen, den es ohne den hartnäckigen Nachbarn Andreas Butz wohl nie gegeben hätte.

Er engagiert sich seit Jahren für seinen Kiez in Schmargendorf und überzeugte die Geschäftsführung der zuständigen Immobilienverwaltung nach vielen Anläufen mit seinen kreativen Ideen: lieber eine kulante Zwischennutzung wagen als noch länger auf Nachmietung zu warten. Irgendwann fragte die Verwaltung zurück: Was für Ideen er denn habe.

Zur gleichen Zeit hatte Andreas im Sportstudio Frank Effenberger kennengelernt, kurz vor der Rente stehender Schulleiter und leidenschaftlicher Kunstsammler – mit einem eigenen Traum: eine Galerie. "Ich glaub, ich hab' da was für dich", sagte Andreas – und die Idee war geboren. Auch Sängerin und interaktive Künstlerin Gerhild Karpf war sofort dabei. Ein Zwischennutzungsvertrag wurde unterschrieben, und im Januar 2026 öffnete der Art Pavillon ‘61 seine Türen.

Wie aus Leerstand ein Kunst-Pavillon wurde

Ganz reibungslos lief die Eröffnung nicht: "Wir haben bis 5 Minuten vor Eröffnung noch gehämmert und Preisschilder geklebt, während draußen die neugierigen Besucher in der Kälte warteten", erzählt Gerhild. Seither läuft es: Theoretisch ist der Pavillon eine Zwischennutzung bis zur nächsten Vermietung, praktisch ist die Eigentümerin so angetan von der Arbeit des Trios, dass niemand es eilig hat, etwas zu beenden. 

Was die drei antreibt: Kunst soll niedrigschwelliger werden und mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken. Der Pavillon soll vor allem ein Ort sein, an dem Menschen sich begegnen und austauschen – gerade in einer Nachbarschaft, in der viele sich sonst kaum über den Weg laufen.

Wenn 55 Menschen gemeinsam singen

Für Gerhild sind die Mitsing-Konzerte das Highlight des Pavillons. Wenn 55 Menschen gemeinsam etwa das Lied "Heute hier, morgen dort" anstimmen, entsteht laut Gerhild jedes Mal ein Gemeinschaftsgefühl, "das ganz tief ins Herz geht und das die Menschen heute auch wirklich sehr brauchen." Die Konzerte sind, kaum angekündigt, meist innerhalb weniger Minuten ausgebucht.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Gerhild ein Video, das Frank einmal von draußen durch die Glasfront gefilmt hat, während drinnen alle gemeinsam sangen: "Ich war schon beim Singen total bewegt. Aber als ich das Video mit diesen ganzen gemeinsam singenden Menschen in unserem Pavillon sah, hatte ich Gänsehaut und habe gedacht: Wir machen da gerade etwas sowas von richtig."

Gerhilds zweite Bühne: Musik auf der Brücke

Der Pavillon ist nicht Gerhilds einziges nachbarschaftliches Engagement. Seit 2013 spielt sie freitags auf der Carl-Zuckmayer-Brücke in Schöneberg, seit 2020 im Duo mit Trompeter Burkhard, mittlerweile oft ergänzt durch weitere Musiker:innen. Eine Stunde lang, bei jedem Wetter, gibt es alte deutsche Schlager und Volkslieder, französische Chansons und englische Evergreens zum Mitsingen.

Eine Begegnung dort ist Gerhild besonders geblieben: ein älterer Mann, der wochenlang vorbeikam, ohne aufzuschauen. Irgendwann fragte er, ob sie auch deutsche Volkslieder spielen. Über Monate und Jahre öffnete er sich immer mehr – bis er schließlich mitsang und seinen Namen verriet. "Ich bin sicher, wir waren für diesen Mann ein Lichtblick in seinem alten einsamen Leben. Wenn es nur für diesen Mann war, hat sich unsere ganze Aktion gelohnt."

Musik für Menschen mit Demenz

Auch abseits der Brücke bringt Gerhild Musik zu Menschen, die sie brauchen: Sie spielt regelmäßig in Seniorenresidenzen, teils im Demenzbereich. Alte Schlager, Volkslieder und Evergreens aktivieren dort etwas, das Worte oft nicht mehr erreichen. "Es bewegt mich immer wieder, wie Menschen, die sich an fast nichts mehr erinnern, alte Liedtexte mitsingen", erzählt sie. Wenn ein in sich zusammengesunkener Mensch durch ihre Musik plötzlich aufwacht und die Augen strahlen, sei das für sie jedes Mal ein kleines Fest – auch wenn die Arbeit anstrengend ist und sie manchmal das Gefühl hat, "gegen die Wand zu spielen".

Nachbarschaft heißt: Anonymität durchbrechen

Ob Pavillon, Brücke oder Seniorenresidenz – für Gerhild, Andreas und Frank läuft alles auf dasselbe hinaus: "Sich mit Menschen zu verbinden und die Anonymität zu durchbrechen ist eine der größten Freuden im Leben – wir als Art Pavillon Team haben das in unserer DNA und feiern es immer wieder." Wer in der Nähe von Schmargendorf wohnt, findet die Adresse in der Breiten Straße – der Rest ergibt sich meist von selbst.

Wer noch nicht im Art Pavillon `61 war, sollte das bald nachholen – ein besonderer Ort mitten in der Nachbarschaft. Alle Infos und Öffnungszeiten gibt es auf artpavillon61.de und auf Instagram (@art_pavillon_61).


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TagsCreated with Sketch. Kunst Ladengeschichten
Ria Schmidt | nebenan.de

Ria arbeitet seit 2024 im Content Team von nebenan.de. Für sie bedeutet Nachbarschaft, die lokalen Läden zu unterstützen und für die Menschen im Kiez da zu sein.