Darum setzt nebenan.de auf freiwillige Förderbeiträge

Bild: nebenan.de / JFR Creatives

Wie kann die Nachbarschaftsplattform nebenan.de kostenlos bleiben und trotzdem langfristig finanziert werden? Gründer Christian Vollmann erzählt im Interview, warum er auf ein alternatives Geschäftsmodell setzt und welche Rolle zufriedene Nutzer dabei spielen.

Christian Vollmann (Bild: nebenan.de)

Christian Vollmann ist einer der Gründer der Nachbarschaftsplattform nebenan.de.

2015 ist das soziale Netzwerk für Nachbarn als Social Start-Up gestartet; mittlerweile hat es 1,6 Millionen Mitglieder deutschlandweit.

Betrieben wird nebenan.de von der Good Hood GmbH, deren Geschäftsführer Christian Vollmann, Ina Remmers und Till Behnke sind.

Christian, am Wochenende habt ihr die Nutzer von nebenan.de aufgefordert, die Plattform mit einem Förderbeitrag zu unterstützen. Warum?

nebenan.de ist für alle privaten Nachbarn kostenlos und soll es auch bleiben. Gute Nachbarschaft darf keine Frage des Geldbeutels sein – uns ist wichtig, dass auch Personen mit niedrigem Einkommen nebenan.de nutzen können, um sich in der Nachbarschaft zu vernetzen.

Gleichzeitig verursacht der Betrieb einer Plattform wie nebenan.de Kosten. Für Server, für unser Team (wir beschäftigen mittlerweile rund 80 Mitarbeiter*innen), für unsere IT-Sicherheit u.v.m. Alleine für unsere Server geben wir monatlich einen 5-stelligen Betrag aus.

Unser Förder-Modell ist eine wichtige Säule, um Teile unserer Kosten zu decken. Wer gute Erfahrungen bei nebenan.de gemacht hat und der Meinung ist, dass unsere Plattform sinnvoll ist, kann uns mit einem kleinen monatlichen Beitrag unterstützen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf eure Finanzierung aus?

Seit Ausbruch der Krise ist die Relevanz von guter Nachbarschaft sehr deutlich geworden. Das hat sich auch bei nebenan.de bemerkbar gemacht: Unsere Anmeldezahlen haben sich zeitweise verfünffacht und die Aktivität auf der Plattform stieg deutlich an. Das freut uns sehr – insbesondere weil das Thema “Nachbarschaftshilfe” inhaltlich klar im Vordergrund stand.

Mehr Nutzer*innen und mehr Aktivität auf der Plattform bedeuten für uns allerdings keinesfalls mehr Einnahmen. Im Gegenteil: Wir stehen eher gestiegenen Kosten gegenüber. Ein kleines Beispiel: Unser Hilfe-Team hat innerhalb der letzten Wochen 4-mal so viele Postkarten zur Adressverifizierung verschickt und doppelt so viele Hilfe-Anfragen wie üblich beantwortet.

Gleichzeitig bieten wir einige unserer Services, mit denen wir sonst Kosten decken, angesichts der Corona-Krise kostenlos an: Unser Profil für lokale Gewerbe gibt es derzeit 3 Monate unentgeltlich. Damit greifen wir den bedrohten Einzelhändlern unter die Arme. Städte und Kommunen können unser “Organisationsprofil” kostenlos für ihre Bürgerkommunikation nutzen.

Zusätzlich haben wir mehrere Aktionen gestartet, um Betroffenen zu helfen: Auf unserer Aktionsseite kaufnebenan.de zum Beispiel haben Nachbarn schon über 1,2 Mio. € für ihre Lieblingsläden gesammelt. Diese Gelder geben wir direkt an die Gewerbetreibenden weiter. nebenan.de verdient daran keinen Cent – unser Team steckt aber viele Ressourcen in den Aufbau und die Abwicklung solcher Aktionen.

Wie viele Nachbarn fördern nebenan.de bereits?

Ich freue mich sehr, dass seit dem Wochenende über 1.000 neue Förderer dazu gekommen sind, die uns im Schnitt mit 3 bis 5 € pro Monat fördern. Insgesamt unterstützen uns etwa 1% unserer Nutzer mit einem monatlichen Beitrag. Um langfristig bestehen zu können, möchten wir diesen Anteil gerne weiter ausbauen.

Die Rückmeldungen, die uns gerade erreichen, sind sehr motivierend. Zwei Nachbarn schreiben zum Beispiel:

Vielen, vielen Dank für euren Einsatz und eure Aktionen. Für mich ist nebenan.de wirklich eine Plattform, die Zukunft gestaltet, so wie wir sie brauchen. Ihr seid für mich ein leuchtendes Beispiel für eine lebenswerte Zukunft!
Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, Kontakt zu anderen Menschen im direkten Umfeld zu haben. Von daher brauchen wir eine Plattform wie diese! Dass dies nicht zum Nulltarif laufen kann, sollte jedem klar sein – wer mag schon ewige Werbebanner, die letztendlich diese Intimität stören würden.

Andere soziale Netzwerke finanzieren sich dadurch, dass sie basierend auf Nutzerinteressen und -Verhalten Werbung ausspielen. Warum ist das für nebenan.de keine Option?

Bei nebenan.de sollen Nutzer nicht zur Ware werden. Personalisierte Werbung schließen wir aus. Wenn sich zum Beispiel jemand bei nebenan.de für Urban Gardening interessiert, wird derjenige nicht automatisch Werbung für Gießkannen sehen. Wir sammeln dafür keine Daten und geben entsprechend auch keine Daten aus Nutzerprofilen an Werbekunden weiter – bei nebenan.de gilt das “Datensparsamkeitsprinzip”.

Bei uns zählt allein der geografische Standort einer Person als Kriterium dafür, welche Inhalte sie auf der Plattform sieht. Das gilt sowohl für private Inhalte als auch für Beiträge von lokalen Gewerbetreibenden.

Viele Menschen in Deutschland kritisieren, wie intransparent die datengetriebenen Geschäftsmodelle der großen Internetkonzerne sind. Wir freuen uns, wenn unsere Nutzer stattdessen bereit sind,  alternative Konzepte wie unseres auch finanziell zu unterstützen. 

Welche anderen Einnahmequellen habt ihr?

Wir haben insgesamt drei Säulen: Das Förder-Modell ist eine Säule. Die zweite Säule beruht auf der Einbeziehung des lokalen Gewerbes – in Nachbarschaften ansässige Gewerbetreibende können nebenan.de gegen eine Gebühr nutzen, um Nachbarn auf ihre Angebote aufmerksam zu machen. Die dritte Säule sind Städte und Kommunen: Sie können Bürger*innen über nebenan.de über ihre Aktivitäten informieren.

Als Start-Up werden wir zudem weiterhin von Investoren unterstützt, dazu gehört z.B. der Burda Verlag. Wir wollen und müssen aber mittelfristig finanziell auf eigenen Beinen stehen und zeigen, dass unser alternatives Geschäftsmodell funktioniert.

nebenan.de versteht sich als Sozialunternehmen. Dieser Begriff ist noch relativ neu und in Deutschland weniger verbreitet als in anderen Ländern. Was macht nebenan.de zum Sozialunternehmen?

Sozialunternehmen (auch Social Businesses genannt) sind Firmen, denen der soziale Nutzen eines Produkts wichtiger ist als die Gewinnerzielung. Bei nebenan.de werden die Bedürfnisse der Nutzer immer an erster Stelle stehen.

Wir möchten in Zukunft noch besser messen und öffentlich machen, welche gesellschaftliche Wirkung unsere Plattform hat. Dazu werden wir in Kürze unseren “Social Impact Report” (Wirkungsbericht) für 2019 vorstellen. Dort berücksichtigen wir zum Beispiel, inwiefern die Nutzung von nebenan.de dazu beiträgt, dass Nachbarn einander vertrauen oder bereit sind, sich in Notlagen zu unterstützen.

Mein Mitgründer Till war übrigens in diesem Jahr bei den German Startup Awards als “Bester Social Entrepreneur” nominiert, darüber haben wir uns sehr gefreut.

Vielen Dank!


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Hannah Kappes | nebenan.de

Hannah Kappes arbeitet seit 2017 im Kommunikationsteam von nebenan.de. Zuvor war sie als Journalistin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.