Silver Surfer im Netz: Hannover zeigt Senioren Wege in die digitale Nachbarschaft

Bild: Patrick Ney

2017 startete die Stadt Hannover ein visionäres Modellprojekt mit der Nachbarschaftsplattform nebenan.de. Das gemeinsame Ziel der Partner: Älteren Menschen den Zugang zu digitaler Nachbarschaft erleichtern, um ihr Leben im Alltag zu bereichern. Nach einem Jahr blicken der Fachbereich Senioren und die Gründer von nebenan.de auf die Erfolge und Potentiale der Zusammenarbeit zurück.

„In meiner Arbeit zeige ich älteren Menschen, welche Möglichkeiten das Internet für sie bietet. Da ist viel Aufklärungsarbeit nötig. Aber das Aufbrechen von Ängsten und das Aufzeigen von Chancen, das begeistert und motiviert mich“, sagt Patrick Ney.

Er ist seit über drei Jahren Projektmanager für Digitalisierung im Fachbereich Senioren der Landeshauptstadt Hannover. Der 33-Jährige ist überzeugt: Ältere Menschen dürfen bei der Digitalisierung unserer Gesellschaft nicht abgehängt werden, sondern sollten aktiv eingebunden werden.

In Hannover ist ein Viertel der 500.000 Einwohner über sechzig Jahre alt – 125.000 Menschen. Diese sowohl online als auch offline zu erreichen, ist Neys erklärtes Ziel. Ney ist studierter Altersforscher mit einer großen Begeisterung für Technik. Deshalb suchte er im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover nach einem geeigneten Online-Tool, um dieses Ziel zu erreichen.

Hohe Erwartungen an die Plattform

Nach ausgiebiger Recherche und Analyse fiel die Wahl auf das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de. Die Sozial- und Sportdezernentin der Landeshauptstadt Hannover Konstanze Beckedorf begrüßte die Idee von nebenan.de Gründer Christian Vollmann.

Mit nebenan.de wollen wir den sozialen Raum der Nachbarschaft online stärken und dadurch für mehr reale Begegnungen im echten Leben sorgen. So entsteht ein Austausch, der unabhängig von Alter, sozialer Schicht oder Herkunft ist.

Nebenan.de verzeichnet heute rund 800.000 Nutzer in ganz Deutschland. Zu Beginn der Kooperation im Jahr 2017 gab es in Hannover bereits 8.000 aktive Mitglieder – heute sind es über 14.000.

Die Plattform funktioniert wie eine Art „schwarzes Brett“ im Internet – so zumindest erklären es Ney und seine Kolleginnen und Kollegen gerne den älteren Menschen. Nachbarn können Beiträge und Veranstaltungen öffentlich einstellen; diese werden dann allen Personen aus der gleichen Nachbarschaft chronologisch angezeigt und können kommentiert werden. Dieses Prinzip sowie die Übersichtlichkeit und leichte Bedienbarkeit der Plattform gaben den Anstoß für die Kooperation.

Austausch im geschützten Raum

Ney gefällt, dass bei nebenan.de Nachbarn aus einem überschaubaren Radius miteinander in Kontakt kommen, sodass die Wege bei einer Verabredung kurz sind. Dies ist ein entscheidender Aspekt für ältere Menschen, die zum Teil in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Die Online-Kommunikation ist zudem gut geschützt: Jeder Nachbar muss in einem Verifizierungsschritt nachweisen, Anwohner der jeweiligen Nachbarschaft zu sein. Zudem sind alle Nutzer der Plattform mit ihrem Klarnamen angemeldet. So entsteht ein vertrauensvoller Umgang, der zudem vor Missbrauch schützt. Darüber hinaus ist nebenan.de TÜV zertifiziert und unterliegt strengen Datenschutzrichtlinien, was vor allem für technikkritische Senioren sehr relevant ist.

Der Fachbereich Senioren erhoffte sich von nebenan.de insbesondere, dass er die Plattform nutzen könne, um auf bestehende Angebote der Seniorenarbeit hinzuweisen. Die Kolleginnen und Kollegen in den drei Modellquartieren des Fachbereichs Senioren stellen bereits zahlreiche Angebote für Menschen ab 60 Jahren zur Verfügung. Es gibt eine große Bandbreite an Freizeit-, Bildungs- und Beratungsangeboten sowie Sport- und Kulturveranstaltungen für ältere Bürger. Doch für diese Angebote die ausreichende Sichtbarkeit zu erlangen, sei nicht immer einfach, findet Ney:

Ich habe am Anfang in nebenan.de vor allem einen neuen Kommunikationskanal zu den Bürgern gesehen. Insbesondere zu denjenigen, die wir zuvor nicht so gut erreichen konnten. Beispielsweise bleiben Menschen aus besserverdienenden Milieus gerne unter sich und nutzten unsere Angebote nur selten. Ich war neugierig, ob sich das ändern lässt.

Erste Erfolge: Höhere Besucherzahlen

Neys Erwartungen an die Plattform wurden erfüllt: Heute ist nebenan.de ein fester Bestandteil der Seniorenarbeit in Hannover. Drei Quartierskoordinatoren sind auf der Plattform angemeldet und informieren Nachbarn in mehreren Vierteln über Angebote und Veranstaltungen der Stadt.

Die Auswirkungen dieser Arbeit sind deutlich zu erkennen: Viele Veranstaltungen sind dadurch wesentlich besser besucht und zur Freude der Quartierskoordinatorinnen erreichen sie nun auch Leute quer durch alle sozialen Schichten. Denn nebenan.de schaffe im Internet einen neutralen Kommunikationsraum, der für alle offen sei und in dem sich ganz natürlich die Heterogenität von realen Nachbarschaften widerspiegle.

Darüber hinaus können wir jetzt auch viele Menschen erreichen, die sich gerne ehrenamtlich engagieren möchten. Gerade ältere Menschen wollen ihre Zeit gerne sinnstiftend einbringen.

Hürden und Bedenken

Doch der Weg zur erfolgreichen Nutzung von nebenan.de war nicht immer einfach. Intern und extern mussten Ney sowie Kolleginnen und Kollegen viel Überzeugungsarbeit leisten, um Vorbehalte aus dem Weg zu räumen.

Ich habe oft zu hören bekommen: ‚Wir müssen doch die Menschen von den Bildschirmen weg bekommen! Warum sollen wir den Senioren dann ausgerechnet eine Online-Plattform empfehlen?‘

Doch Neys Begeisterung ist ansteckend. Er überzeugte Skeptiker durch Vorträge und Infoabende, an denen er konkret die positiven Veränderungen aufzeigte, die durch die Arbeit mit nebenan.de entstanden waren. Seine Beobachtungen zeigen: Der Bildschirm ist nur Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, um im Internet den ersten Schritt aufeinander zu zu gehen. Die wahre Begegnung findet dann außerhalb des Netzes statt.

Natürlich ist es gerade bei Personen der Altersgruppe über 70 Jahren ein langer Weg, bis sie die Plattform aktiv nutzen können. Manche haben wenig Vorerfahrung und große Angst vor Betrug im Internet. Deshalb unterstützt sie der Fachbereich Senioren mit seinen ehrenamtlichen „Medien- und Techniklotsen“ bei den neuen Medien. Sie besuchen die Bürger zuhause sowie im Stadtteil und zeigen ihnen Schritt für Schritt den Umgang mit dem Computer und die Nutzung der Plattform nebenan.de. „Das braucht natürlich Zeit, manchmal mehrere Monate – aber es lohnt sich,“ findet Patrick Ney. Am Anfang seien viele „Silver Surfer“ zunächst zurückhaltend und würden die Unterhaltungen in ihrer digitalen Nachbarschaft erst einmal beobachten. Nach und nach würde dann die Neugierde siegen – vor allem, wenn neue Nutzer plötzlich bekannte Gesichter in der Liste ihrer Nachbarn entdeckten:

,Moment mal, den kenn ich doch!‘, hören wir dann oft. Dann wird es plötzlich persönlich und neue Nutzer fühlen sich durch ihre Bekannten ermutigt, sich ebenfalls auf der Plattform einzubringen.

Ältere Bürger würden beispielsweise ausrangierte Sachen an Nachbarn verschenken, nach Begleitung für einen Konzertbesuch fragen oder eine gemeinsame Skat-Runde ins Leben rufen.

Patrick Ney erzählt auch von einem Musikverein, der auf der Suche nach neuen Mitgliedern für bestimmte Instrumente war. Für diese Musikgruppe stellte eine Quartierskoordinatorin einen Aufruf auf nebenan.de – und schon nach kurzer Zeit hatte der Musikverein mehr Anfragen als je zuvor.

Die Nachbarschaft neu entdecken

Ältere Menschen sagen am Anfang gern: Was soll ich denn im Internet, ich kenn doch meine Nachbarschaft! Aber dann stellen sie oft fest, dass das gar nicht stimmt. Ein Beispiel: Einige Senioren wünschten sich im Rahmen der Ideenwerkstätten zur alter(n)sgerechten Quartiersentwicklung ein Nachbarschaftscafé. Dabei gab es im Stadtteil bereits etwas Vergleichbares! Von dem hatten sie nur gar nichts gewusst.

Statt einem zweiten Nachbarschaftstreff sollten dann Aktionen zum Gärtnern in der Stadt initiiert werden. Über die Plattform sieht der Fachbereich Senioren also nicht nur die Wünsche von Bürgern, sondern kann auch auf Bestehendes hinweisen und gemeinsam neue Ideen entwickeln. Deshalb stellt der Fachbereich nun auf nebenan.de in den drei Modellquartieren eine Übersicht zu seniorenrelevanter Infrastruktur zur Verfügung.

Dieses Beispiel zeigt, dass nebenan.de auch neue Wege für die Bürgerbeteiligung öffnet. Wenn die Wünsche der Nachbarn gehört und auch tatsächlich umgesetzt werden, kann dies zu mehr Zufriedenheit führen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Voneinander lernen

Nicht nur der Fachbereich Senioren ist mit der Kooperation mit nebenan.de sehr zufrieden. Auch Geschäftsführer Christian Vollmann weiß das wertvolle Feedback von Ney und seinen Kollegen zu schätzen:

„Durch die Städtepartnerschaft haben wir viel über die Bedürfnisse älterer Nutzer gelernt und konnten unsere Plattform stetig verbessern. Auch in Zukunft wollen wir noch stärker auf die Bedürfnisse von Kommunen, Quartiersentwicklern und lokalen Initiativen eingehen und so den Austausch mit den Bürgern ihrer Gemeinde ermöglichen“, sagt Vollmann.

Zu diesem Zweck werden in Kürze die s.g. „Organisationsprofile“ auf nebenan.de freigeschaltet: So sollen lokale Vereine und Organisationen mit einem offiziellen Auftritt auf der Plattform vertreten sein und die Nachbarschaften, in denen sie sich engagieren, über ihre Aktivitäten informieren können.

Patrick Ney und die Quartierskoordinatorinnen waren bei der Entwicklung der neuen Profile von Anfang an dabei – sie testeten neue Funktionen, wiesen auf spezielle Bedürfnisse hin und halfen so, die Profile für die Anforderungen von öffentlichen Trägern zu optimieren.

Patrick Ney freut sich nun auf den nächsten Schritt:

Durch die Organisationprofile müssen die Kolleginnen und Kollegen die Inhalte nicht mehr unter ihrem privaten Nutzerkonto auf nebenan.de einstellen. Ich bin sicher, dass durch die neuen Profile auch Interessenten aus anderen Fachbereichen in Hannover sukzessiv auf die Plattform kommen.

Ney und Vollmann blicken voller Zuversicht in die Zukunft und freuen sich darauf, sich für lebendige Nachbarschaften für alle Generationen einzusetzen. Online und offline.

Die Info-Broschüre zur Kooperation zwischen der Stadt Hannover und nebenan.de gibt es hier zum Download.


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Hannah Kappes | nebenan.de

Hannah Kappes arbeitet seit 2017 im Kommunikationsteam von nebenan.de. Zuvor war sie als Journalistin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.