Symbolbild: unsplash
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Darum braucht es mehr Offenheit im Umgang mit mentaler Gesundheit


Wieso sprechen wir im Alltag eigentlich so selten über unsere mentale Gesundheit und Depression? Die „Gefährten mit Bärten” setzen sich für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen ein. Was genau dahinter steckt, erzählen sie im Gastbeitrag.

Jan Romich und Max Komp gründeten in Anknüpfung an ihre persönlichen Erfahrungen mit Depression das Projekt „Gefährten mit Bärten”.

Max und Jan sind die „Gefährten mit Bärten”

Ihr großes Ziel: Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen durch Empowerment – mehr Offenheit, Verständnis und Empathie im Umgang mit mentaler Gesundheit im Allgemeinen und bei Männern im Speziellen.

Die beiden haben sich beim Handball kennengelernt. Mit der Zeit drehten sich ihre Gespräche zunehmend um ihre mentale Gesundheit sowie die Erfahrungen mit psychischen Krisen. Aus der anfänglichen Idee einer gemeinsamen Motorradtour entwickelte sich so Stück für Stück die Vision, eine längerfristige gemeinsame Reise anzutreten – eine Reise zu mehr Bewusstsein, Transparenz und Akzeptanz für mentale sowie psychische Erkrankungen.

Das Projekt „Gefährten mit Bärten“

Wir, die „Gefährten mit Bärten", als zwei selbst betroffene Personen haben den „Ausbruch” unserer Depression jeweils sehr unterschiedlich erlebt. Was sich aber bei vielen Betroffenen deckt, ist diese Erfahrung: Es kommt zu einem Punkt, an dem es schwierig bis unmöglich wird, das alltägliche Leben zu gestalten, da die Gedanken und Gefühle, das Verhalten und auch körperliche Vorgänge stark verändert sind. Trotz allergrößter Anstrengung keine Kraft im Körper zu haben, um aufzustehen, ohne physische Begründung minutenlang das Gefühl zu verspüren, dass man keine Luft bekommt, nicht atmen kann oder zu ersticken droht – das sind beides häufig berichtete Erfahrungen von Menschen, bei denen später eine Form der Depression festgestellt wird.

Unser primäres Ziel mit dem Projekt ist es, mehr Bewusstsein für mentale Gesundheit zu schaffen, sowohl bei Männern als auch in der gesamten Gesellschaft. Viele gesellschaftliche Domänen waren lange Zeit männlich geprägt und sind es teilweise noch immer – das macht es vielen Männern schwer, sich Schwächen zuzugestehen, sie zu akzeptieren und auf gesunde Art und Weise damit umzugehen. Wir wollen unsere Erfahrungen teilen und mutig mit unseren Geschichten für all jene in die Bresche springen, die den Schritt noch nicht gehen können oder wollen.

TRIGGERWARNUNG

Wir möchten vorab eine Triggerwarnung aussprechen, da wir mittlerweile relativ offen mit unseren persönlichen Erlebnissen umgehen. Im Folgenden werden unter anderem unsere Erfahrungen mit Suizid thematisiert.

Wenn du mit Gedanken an den eigenen Tod spielst, kontaktiere bitte die bundesweite anonyme Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.

Max von den „Gefährten mit Bärten”

Das sagt Max über seine Erfahrungen mit Depression:

„Heute bin ich dank meiner Therapie und der Medikamente stabil. Aber geheilt sein werde ich nie. Ich habe zu lange gewartet und mir zu spät professionelle Hilfe gesucht. Zunächst aus Unwissenheit, später aus Scham, Angst und einer kleinen Portion Ignoranz, frei nach dem Motto, dass ich es schon allein schaffen würde. Das sind alles Dinge, die ich insbesondere mit dem männlichen Teil der Bevölkerung teilen möchte. Und so habe ich meine Erfahrungen auch mit Jan geteilt. Und siehe da, es gibt in unseren beiden Geschichten ziemliche Schnittmengen, die den Grundstein für unser Projekt „Gefährten mit Bärten” gelegt haben."

So lebt Jan mit seiner psychischen Krankheit:

„Nach meinem Suizidversuch habe ich mich in therapeutische Behandlung begeben, damit ich meine mentale Gesundheit gemeinsam mit einem Experten wieder stabilisieren konnte. Danach habe ich mich gezwungen, zumindest vorübergehend aus dem Hamsterrad zu springen und mein Leben ganz bewusst für sechs Monate entschleunigt.

Ich habe einen langgehegten Wunsch umgesetzt und einen Motorrad-Führerschein gemacht – die erste Tour ging nach Portugal und entwickelte sich zu einer Spendenfahrt für die DKMS. Ich wollte das Privileg, noch am Leben sein zu dürfen, sowie genug Ressourcen und Energie für den Lebensumbruch zur Verfügung zu haben, irgendwie mit etwas Gutem für die Gesellschaft verbinden.”

Bild: „Gefährten mit Bärten”
Jan von den „Gefährten mit Bärten”

Aktuell ist das Projekt „Gefährten mit Bärten” noch nicht ganz sattelfest, was manche Prozesse und Ideen angeht. Eine jährliche Motorradtour ist aber als Konstante in unserem Projekt fest eingeplant, unter anderem mit dem Ziel, Spenden für die vielen Organisationen und Vereine zu sammeln, die sich mit dem Thema mentale Gesundheit befassen. Im letzten Jahr lagen unsere thematischen Schwerpunkte auf den Bereichen Depression und Suizid – die bei der Spendentour „Highway to Health” 2021 gesammelten Spenden gingen an den Verein Freunde fürs Leben e.V. Das Thema und das Spendenziel für die diesjährige „Highway to Health“-Motorradtour stehen noch nicht final fest.

Uns ist wichtig, dass unser Projekt inklusiv allen Menschen offensteht, nicht nur einem bestimmten Geschlecht. Wir sind uns sicher, dass vor allem im zwischenmenschlichen und geschlechterübergreifenden Austausch sehr viel Potential für die persönliche Entwicklung und einen gesunden Umgang mit psychischen Krankheiten schlummert.

Winterdepression – oder steckt doch mehr dahinter?

Besonders das graue Winterwetter wirkt sich bei vielen Menschen auf die mentale Verfassung aus, nicht selten fehlt es an Motivation und Antrieb. Natürlich gibt uns die kalte Jahreszeit auch die Möglichkeit – mal ganz entspannt und ohne schlechtes Gewissen – in der warmen Wohnung auf dem Sofa zu entspannen. Doch das fällt nicht immer leicht. Oft sprechen wir bei dieser saisonalen Antriebslosigkeit von „Herbst- und Winterblues”.

Durch den Wandel im Tagesverlauf und die reduzierte Sonneneinstrahlung kommt es in unserem Hormonhaushalt zu Veränderungen. Der Körper schüttet weniger Serotonin – unser „Glückshormon” – und gleichzeitig vermehrt Melatonin – unser Schlafhormon – aus. Es scheint also eigentlich ganz normal zu sein, dass wir träge werden. Oft geht diese Veränderung im Hormonhaushalt aber weiter: Wir haben ein erhöhtes Schlafbedürfnis und fühlen uns öfter müde, erfahren starke Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen oder eine getrübte, melancholische Grundstimmung.

Wir sehen also: Ein echter „Winterblues” greift massiv in unsere mentale Balance ein und ist oftmals der laienhafte Ausdruck für das Krankheitsbild der saisonal abhängigen Depression (SAD) – auch Winterdepression genannt.

Hinweis: Eine SAD ist meist weniger schwer ausgeprägt und seltener als andere depressive Störungen. Bei der Mehrzahl der depressiven Erkrankungen, die im Winter diagnostiziert werden, handelt es sich nicht um Winterdepressionen.

Es ist mitunter gar nicht so einfach, Stimmungsschwankungen, Depression oder andere psychische Probleme auseinanderzuhalten. Die Depression zählt zu den Stimmungs- und affektiven Störungen und zeigt sich durch anhaltende Stimmungstiefs, fehlenden Antrieb, Interessensverlust sowie viele körperliche Symptome. Hier gibt es jedoch kein festes Muster – so individuell, wie wir alle sind, so unterschiedlich kann sich eine depressive Erkrankung äußern.

So kannst du betroffene Personen unterstützen

In Phasen der Hilf-, Kraft-, oder Mutlosigkeit ist es für viele Betroffene wichtig, Unterstützung von außen, aus dem sozialen Umfeld, zu erhalten. Familie, Freund:innen, aber auch Nachbar:innen sind das soziale Netz, das Betroffene in diesen Momenten auffangen kann.

Passt gut auf euch, eure Liebsten und eure Nachbar:innen auf! Denn darum geht es bei guter Nachbarschaft: Sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.

Wichtig: Wenn du mit einer Person, die sich eventuell in einer depressiven Phase befindet, in Kontakt stehst, denke bitte daran, ihre Trauer, Sorgen, Ängste und Befürchtungen als echte und gültige Emotionen anzuerkennen – egal, woher diese Gefühle kommen und wie alt die Person ist.

Im Gespräch mit Betroffenen: Hör deinem Gegenüber zu. Gemeinsam könnt ihr euch zum Beispiel folgende drei Punkte anschauen, an denen sich Depressionen von Stimmungsschwankungen unterscheiden lassen. Entscheidet im Anschluss, ob ihr professionelle Hilfe braucht und wendet euch zum Beispiel an die Hausarztpraxis oder eine Beratungsstelle.

  • Schweregrad: Wut, Traurigkeit, Reizbarkeit, Einsamkeit, Apathie, Unsicherheit und andere negative Emotionen sind viel intensiver, wenn die Person eine Depression hat.

  • Dauer: Wenn starke negative Gefühle oder Apathie länger als zwei Wochen ohne Unterbrechung andauern, kann dies auf eine Depression hindeuten.

  • Bereiche: Wenn negative Gefühle oder ungewöhnliches Verhalten in mehreren Lebensbereichen, z.B. nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule, bei der Arbeit und im Freundeskreis, wahrgenommen werden, kann eine schlechte Stimmung auf eine Stimmungsstörung und nicht auf eine bestimmte Situation zurückzuführen sein.

Dieser Gastbeitrag wurde von Jan Romich und Max Komp verfasst.


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Johanna Meinel | nebenan.de

Johanna Meinel unterstützt das Kommunikationsteam von nebenan.de seit April 2018. Unter anderem beschäftigt sie sich mit Begegnungsformaten in der Nachbarschaft – online und offline.

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