Bild: Matthias H. (privat)

Vom Drecksloch zur Oase: Berliner Nachbarn errichten eigenen Nachbarschaftspark


Verwildert, vermüllt, abschreckend: So sah die Freifläche in der Berliner Zolastraße jahrelang aus. Heute ist sie Treffpunkt für die Nachbarschaft und ein Paradebeispiel dafür, wie Nachbarn ihre Umgebung zum Blühen bringen können.

Die Sonne scheint an diesem Nachmittag auf den Gemeinschaftsgarten im Berliner Scheunenviertel. Vier Leute spielen Tischtennis, eine Mutter setzt ihr Kind auf die Schaukel; ein älterer Herr ist auf der Bank in sein Buch vertieft.

Gleich hinter dem Garten an der Zolastraße rauscht der Feierabendverkehr vorbei, und doch ist die Stimmung friedlich und entspannt – eine kleine Oase im hektischen Berlin Mitte.

Hier ist mehr als ein Urban Gardening Projekt entstanden: ein kleiner Nachbarschaftspark auf 350 Quadratmetern. Matthias sitzt auf dem kleinen Hügel in der Mitte der Fläche, schmunzelt und schaut sich um.

Bevor wir angefangen haben, war das hier ein richtiges Drecksloch. Ein Treffpunkt für Drogendealer, wo wir die Spritzen aufsammeln konnten. Das kann man sich jetzt kaum noch vorstellen.

Dabei ist es erst zwei Jahre her, dass der Stein für den Nachbarschaftsgarten ins Rollen kam.

Das Viertel, wo alles begann

Das war im Herbst 2016, kurz nachdem die Nachbarschaftsplattform nebenan.de gegründet wurde. Matthias wohnt  gegenüber von nebenan.de Gründer Christian Vollmann und war gleich begeistert von der Idee, die Nachbarn online zusammenzubringen.

Christian hat bei mir an der Tür geklingelt und gefragt, ob ich Interesse hätte, mich auf einer Online-Plattform mit den Nachbarn auszutauschen. Das fand ich toll.

Was als Netzwerk für die eigene Straße begann, ist jetzt das größte soziale Netzwerk für Nachbarn in Deutschland. Matthias ist Nutzer der ersten Stunde und motivierte seine Nachbarn im Scheunenviertel, bei nebenan.de mitzumachen.

„Unser Garten war das erste Gemeinschaftsprojekt auf nebenan.de“, erzählt Matthias. Online gründete er die Gruppe „Urban Gardening“, trommelte Interessierte zusammen und entwickelte mit seinen Nachbarn die Idee, die Freifläche an der Zolastraße in einen Nachbarschaftsgarten umzuwandeln.

Der Zuspruch war groß – also legte Matthias mit seinen Nachbarn Sigrid, Reni, Reiner und Julian los.

Gemeinsam anpacken

Matthias nimmt Dinge gerne in die Hand. „Ich mag Ästhetik. Etwas Schönes zu erschaffen, motiviert mich“, erzählt er.

Der gebürtige Österreicher kam Berufs wegen nach Berlin; früher schuftete er bis zum Burn-Out in der freien Wirtschaft, mittlerweile ist er selbstständig und teilt sich seine Zeit frei ein.

Und für den Zolagarten nimmt er sich Zeit.

Es braucht einen, der sich um die Organisation kümmert und die anderen in der Gruppe mit der Begeisterung ansteckt. Nur dann kann langfristig richtig was passieren.

Matthias Verbindlichkeit öffnet bei den Berliner Ämtern Tür und Tor. Die Fläche gehört der Stadt, also wendet sich Matthias an das Grünflächenamt, die Spielplatzkommission und das Bauamt, um in Erfahrung zu bringen: „Dürfen wir auf dieser Fläche ein Urban Gardening Projekt starten?“

Den Behördendschungel meistern

Das Anliegen der Gruppe kommt der Stadt gelegen: Sie muss einen bestimmten Anteil an öffentlichem Raum für Grünflächen reservieren. Deshalb war sie bislang auch nicht auf die Angebote mehrerer Investoren eingegangen, auf der Freifläche ein Wohnhaus in Spitzenlage zu bauen. Matthias und seine Nachbarn sind die erste Gruppe, die eine konkrete Idee für die Fläche hat.

Im November 2016 findet ein erstes Treffen mit den Verantwortlichen vor Ort statt, bei dem die Nachbarn ihr Konzept für die Fläche vorstellen.

Wir konnten glaubhaft machen, dass wir das langfristig durchziehen wollen und nicht morgen wieder abspringen. Das hat bei der Überzeugung der Ämter sehr geholfen.

Schließlich bekommen die Nachbarn grünes Licht – ihr Antrag, die Fläche zu nutzen, wird mit Auflagen bewilligt. Der Verein „Kreativhaus e.V.“ erklärt sich bereit, stellvertretend für die Gruppe den Nutzungsvertrag mit der Stadt abzuschließen.

Erste Pflanzaktion im Frühling

Im Frühjahr 2017 geht es endlich richtig los. Jeden Sonntag von 13 bis 15 Uhr treffen sich die Nachbarn in „ihrem“ Garten. Dann heißt es: Ärmel hochkrempeln, Müll aufsammeln, Blumenkästen besorgen, Hochbeete zimmern, anpflanzen.

Auf Vorschlag des Grünflächenamts wird sogar der Sand im Sandkasten ausgetauscht und der alte rostige Zaun ersetzt. Die Kosten dafür trägt die Stadt.

Matthias findet es bereichernd, auch mal Menschen außerhalb des normalen Freundes- und Bekanntenkreises zu begegnen:

Hier haben plötzlich Leute zusammen gegärtnert, die sonst nie miteinander gesprochen haben, obwohl sie so nah beieinander wohnen.

Die letzte große Frage

Eine Herausforderung bleibt: Wie kann die Wasserversorgung für den Garten gesichert werden?

Ein dreiviertel Jahr zerbricht sich Matthias sich über diese Frage den Kopf. Zuerst fragt er alle angrenzenden Immobilienbesitzer, ob er einen Wasserschlauch von einem ihrer Grundstücke bis zum Garten verlegen darf: „Ich hab‘ denen angeboten: Ich zahl euch das Doppelte pro Liter“. Trotzdem hagelt es Absagen – kein Interesse.

In die Tiefe zu graben ist keine Option, das Risiko ist zu hoch. Also recherchiert Matthias, ob er Wassertanks auf dem Gelände aufstellen könnte – und zu welchem Preis.

Bild: Matthias H.
Bis die Wassertanks stehen, ist es ein langer Weg (Bild: Matthias H.)

Nach mehreren Verhandlungsrunden ist es geschafft: Matthias erhält die Zusage der Stadt, zwei Tanks für 12.000 Liter Wasser aufstellen zu dürfen und beginnt mit den Verhandlungen der Herstellungsfirma in Frankreich. Diese gewährt letztendlich einen Sonderpreis von 5.000 Euro.

Diese Summe können die Nachbarn nicht allein tragen. Doch durch einen Tipp vom Kreativhaus e.V. wird Matthias auf eine Lotterie aufmerksam, die soziale Projekte unterstützt. Tatsächlich wird der Antrag auf Kostenerstattung komplett bewilligt.

Matthias trommelt über nebenan.de die ganze Garten-Gruppe zusammen, um bei der Aufstellung zu helfen und schreibt:

„So geht's weiter:

  • Julian H. und Matthias H. organisieren die Beschaffung und den Bau der Fundamente für die Tanks. Hilfe dabei ist SEHR willkommen ;-)

  • Ort der Aufstellung: Bereich zwischen den zwei rechtwinkelig aufgestellten Parkbänken.

  • Bestellung läuft über KREATIVHAUS e.V. (Fr. Dr. Euler)

  • Lieferung der Wassertanks voraussichtlich in KW21 (21.-25. Mai)

  • Erstbefüllung mit 1000 Liter Regenwasser ev. durch Grünflächenamt. Den Rest (11.000 Liter) organisiert Matthias mithilfe der Freiwilligen Feuerwehr.

  • Danke an die POSTCODE Lotterie, die unser Projekt mit 5.000 Euro gefördert hat sowie an die STADTTEILKASSE, die mit 500 Euro den geforderten Eigenanteil mitfinanzierte. Den Rest (Schlauch, Absperrmechanismus) müssen wir irgendwie selbst bauen und finanzieren.

  • DANKE an alle, die so intensiv das Projekt über die letzten Jahre begleiteten - ihr wart großartig und eine enorme Unterstützung. I'll keep you posted!“

Die Befüllung der Tanks klappt leider nicht über die Freiwillige Feuerwehr – stattdessen erhalten Julian und Matthias die Erlaubnis von den Berliner Wasserbetrieben, einen Hydranten in der Nähe anzuzapfen. Das funktioniert, braucht allerdings ein wenig Geduld: Vier Stunden lang dauert es, bis die Tanks komplett voll sind.

Geschafft: Die Wasserversorgung für den Nachbarschaftsgarten ist gesichert. (Bild: Matthias H.)

Die Früchte der Arbeit ernten

Der Aufwand hat sich gelohnt: Im Juni 2018 feiert die Urban Gardening Gruppe feierlich die offizielle Einweihung des Gartens. Die zwei riesigen blauen Tanks erkennen die Besucher schon von weitem: Unübersehbar thronen sie am Rand des neuen Gartens.

Auch nebenan.de Gründer Christian Vollmann kommt zur Einweihungsfeier und ist begeistert: „Da bin ich auch ein bisschen stolz, dass so ein tolles Projekt über nebenan.de Wirklichkeit geworden ist. Es ist schön zu sehen, dass die Nachbarn hier die Initiative ergriffen haben und unser Viertel so bereichern!“

Christian Vollmann bedankt sich auf der Einweihungsfeier bei den Nachbarn (Bild: Matthias H.)

Matthias freut sich, dass der Garten auch im Alltag so gut angenommen wird. „Es haben sich ganz viele Leute bedankt aus der Nachbarschaft. Die Geschäftsleute aus der Umgebung machen hier Mittagspause, Nachbarin Nora pflegt einen wunderschönen Schmetterlingsgarten, Jung und Alt kommen her, um ein bisschen in der Sonne zu sitzen. So soll’s sein!“

Er wünscht sich, dass der Gemeinschaftsgarten auch in Zukunft ein schöner Ort der Begegnung bleibt. Ein Ort, wo Nachbarn Berührungsängste abbauen, gemeinsam etwas aufbauen und merken: Wenn ich mich um meine Umwelt kümmere, macht es das Leben im Viertel lebenswerter.

Heute muss Matthias „nur noch“ den Abschlussbericht für die Förderung schreiben, dann kann auch er ein paar Sonnenstrahlen im Garten genießen.


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Hannah Kappes | nebenan.de

Hannah Kappes arbeitet seit 2017 im Kommunikationsteam von nebenan.de. Zuvor war sie als Journalistin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.

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