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Die Welt steht nicht still – darum ist Nachbarschaft besonders wichtig


Gegenseitigkeit, Vertrauen, Sorge tragen – in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung werden zwischenmenschliche Verbindungen immer wichtiger. Auch die Nachbarschaft, so Prof. Dr. Thomas Klie vom Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung.

(Bild: Prof. Dr. Thomas Klie)
(Bild: Prof. Dr. Thomas Klie)

Der deutsche Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Klie beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit der sozialen Gerontologie und Pflege sowie der Zivilgesellschaft.

Seit 1988 ist er als Professor für Rechts- und Verwaltungswissenschaften an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig. Zudem leitet er das Institut AGP Sozialforschung und das Kompetenzzentrum Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung.

Welche Rolle nachbarschaftliche Kontakte und Beziehungen, heute und morgen, für unsere Gesellschaft spielen, verrät er im Interview.

Herr Professor Klie, Sie sind am Puls der Zeit, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen geht. Welche großen Linien beobachten Sie derzeit?

Klie: Die Globalisierung und die Digitalisierung schwächen Demokratie als Lebensform und machen – wie der Facebook-Skandal zeigt – Menschen und ihre Profile immer mehr zur Ware oder zum Gegenstand totalitärer Observation wie es etwa die Türkei, Ungarn und China zeigen. Gleichzeitig erweitern im Schnitt bessere Lebensbedingungen und ein höherer Bildungsstatus die Handlungsspielräume der Bürgerinnen und Bürger – auch im Sinne einer mitverantwortlichen Lebensführung.

Mit Sorge erfüllt mich die immer stärker werdende regionale Divergenz und Ungleichheit der Lebensbedingungen, die durch die unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen für die Lebensbedingungen vor Ort verursacht werden. Hier ist im hohen Maße die Politik gefragt, um die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu pflegen respektive zu schaffen.

Welchen Beitrag kann Nachbarschaft leisten, um diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt positiv zu gestalten?

Klie: In einer globalisierten Welt gewinnt der Ort, an dem wir leben, an Bedeutung. Das Lokale, der örtliche Zusammenhalt und die Bedingungen guten Lebens im Dorf und Quartier gewinnen objektiv und subjektiv an Relevanz. Dabei sind Nachbarschaften heute nicht nur lokale, sondern durchaus auch digitale: Menschen mit Migrationshintergrund leben nicht nur ihre Nachbarschaft vor Ort, sondern auch digital die in ihrem Herkunftsort.

Die lokale und globale Vernetzung wird wichtiger für die Lebensführung. Nachbarschaften können Zugehörigkeit und das subjektive Gefühl von Sicherheit vermitteln. Sie werden in einer sich dynamisch verändernden Welt eminent wichtig.

Was ist das Idealbild einer lebendigen Nachbarschaft, um eine Gesellschaft der Zukunft positiv mitzugestalten?

Klie: Der Zentralwert von Nachbarschaften ist der der Gegenseitigkeit. In egalitären Gesellschaften finden sich die kulturell und ökonomisch leistungsfähigsten Nachbarschaften: Sie sind dort überlebenswichtig. In modernen Gesellschaften, die häufig Stadtgesellschaften sind, sind die Voraussetzungen für und das Vertrauen in die Gegenseitigkeit zu erhalten und zu schaffen.

Es gibt viele gute Beispiele, wie im Rahmen von Stadt- und Dorfentwicklung durch Maßnahmen der baulichen, aber auch der sozialen Architektur wie etwa durch Quartiersmanagement lebendige und integrative Nachbarschaften entstehen können – von Barcelona über Kopenhagen und zurück nach Wien, um die Reise auf Europa zu beschränken.

Das Idealbild einer lebendigen Nachbarschaft ist das einer Nachbarschaft, in der die Sorge um das eigene Wohlergehen notwendigerweise verbunden ist mit der Sorge um andere und den Ort insgesamt. Das Ringen um die Bedingungen guten Lebens für sich und andere unter Einbeziehung des öffentlichen Raumes und eben auch der Nachbarschaften – davon lebt eine lebendige Nachbarschaft.

Welche Akteure sind dafür nötig, damit sie gelingt?

Klie: Akteure aus allen gesellschaftlichen Bereichen sind gefordert, ihren Beitrag zu einer lebendigen Nachbarschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten: Staat, Markt, Familien und Freunde sowie die Zivilgesellschaft. Die Herausforderung besteht darin, der Exklusion vorzubeugen. Typische Nachbarschaftsprogramme und gerade solche, die mit digitalen Plattformen gepflegt werden, zeichnen sich durch ihre potentielle Selektivität aus: Mittelschicht hilft Mittelschicht.

Wie gelingt es, neben dem Bonding auch sogenannte Bridging-Effekte zu erzeugen, also die Vielfalt der Stadtgesellschaft zu nutzen und attraktiv zu machen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt der Erfolg ab.

Was können Politik und Wirtschaft für diesen Erfolg tun?

Klie: Voraussetzungen für gute Nachbarschaften werden durch intelligente Stadt- und Dorfentwicklungsprogramme geschaffen. Gerade für von besonderen Dynamiken erfasste Quartiere und Stadtviertel sowie Dörfer bedarf es flankierender Investitionen in die soziale Architektur, sei es durch Quartiersmanagement, sei es durch sozialen Wohnungsbau, sei es durch öffentliche und allgemein nutzbare Räume, die Begegnungen eröffnen. Investorengetriebene Stadtentwicklung ist tödlich für lebendige Nachbarschaften mit dem Anspruch der sozialen Integration.

Die Wirtschaft, die Wohnungsbaugesellschaften, die lokalen Unternehmen sind gefragt, ihre Verantwortung gegenüber dem Ort wahrzunehmen – und dies als Arbeitgeber ebenso wie als Produzent und Lieferant von Produkten und Dienstleistungen. Bei global agierenden Unternehmen wird diese Verantwortung immer geringer. Eine lebendige, stabile und die Lebensführung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort auch in ökonomischer Hinsicht stabilisierende Kommune ist auf eine stärkere Betonung gemeinwirtschaftlicher Strategien der Daseinsvorsorge verwiesen. Dafür steht etwa unser Forschungs- und Entwicklungsprojekt SoNaTe, Soziale Nachbarschaft und Technik.

Kann die Bewegung von unten, also die Nachbarschaftsbewegung, zu einem systemischen Faktor werden?

Klie: In der Geschichte gab es immer wieder Nachbarschaftsbewegungen: In Berlin etwa Nachbarschaftshäuser in den 20er Jahren um Sigmund-Schulze, in den USA Strategien der Gemeinwesenarbeit und des Community Organizing, von denen auch der ehemalige US-Präsident Obama geprägt wurde.

Investitionen in Nachbarschaften kennzeichnen die Programme der Sozialen city: Dort wo die Bedingungen guten Lebens gefährdet sind, dort wo der örtliche Zusammenhalt nicht mehr funktioniert, und dort wo die Heterogenität der örtlichen Bevölkerung das Zusammenleben schwierig macht – dort sollten die Investitionen in Nachbarschaften prägend sein für eine verantwortliche kommunale Stadtentwicklungspolitik.

Erfreulich ist es, wenn unter anderem auch digitale Plattformen zur Selbstorganisation von Nachbarschaften zur Verfügung stehen und diese in intelligenter Form strukturiert und betrieben werden. Eines muss allerdings Tabu sein: Digitale Datensätze von Nachbarn und über Nachbarschaften dürfen keiner anonymen kommerziellen Nutzung zugeführt werden. Das würde das für Nachbarschaften konstitutive Vertrauen die Grundlage entziehen.

Das Interview ist auch zu finden im Ratgeber "Ziemlich beste Nachbarn" von Ina Remmers und Michael Vollmann, erschienen im Oekom Verlag.


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Ina Remmers | nebenan.de

Ina Remmers ist Mitgründerin von nebenan.de. Ihre Karriere begann Ina in Kreativ- und Designagenturen und war viele Jahre als selbständige Markenberaterin und Kommunikationsstrategin tätig. 2003 gründete Ina gemeinsam mit Claudia Kotter und ihren Freunden den gemeinnützigen Verein Junge Helden.

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