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Für gute Gesprächskultur online: Deeskalation und Gegenrede


Mit der Pandemie ist der Umgangston online schärfer geworden. nebenan.de setzt dieser Entwicklung eine positive Gesprächskultur entgegen. Aber Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte können immer auftauchen. Tipps für einen sinnvollen Umgang mit eskalierenden Diskussionen geben die Expert*innen der Initiativen No Hate Speech, LOVE-Storm, und ichbinhier e.V.

In den allermeisten Fällen findet bei nebenan.de ein hilfsbereiter und freundlicher Austausch statt – ein weitaus angenehmerer Umgangston als in anderen sozialen Netzwerken. Aber natürlich kann es auch unter Nachbarinnen und Nachbarn online zu Streit kommen. 

Tajana Graovic vom No Hate Speech Movement (Bild: privat)
Tajana Graovic vom No Hate Speech Movement (Bild: privat)

Oft fängt das ganz harmlos an. Jemand teilt einen Beitrag, in dem er oder sie nach Unterstützung beim Gassi gehen fragt. Doch nach Kommentaren über Hundekot auf dem Gehweg entspinnt sich daraus ein handfester Streit über Hundehalter*innen und die Beteiligten werfen sich digital Beleidigungen entgegen.

Tajana Graovac kennt solche Konflikte gut. Sie ist Projektleiterin bei der Online-Initiative No Hate Speech Movement. Dass es überhaupt online schneller eskaliert, liegt ihrer Erfahrung nach daran, dass Inhalte verkürzt wiedergegeben werden oder der Kontext fehlt.

Sarah Gassenmann von ichbinhier e.V. erklärt, dass im digitalen Raum oft ein Moderator fehlt: „Also jemand, der beispielsweise in einer analogen Diskussion mit 100 Menschen bei einem unangemessenen Kommentar sagt ‚das kannst du aber so nicht sagen‘.”

Tipps zur Deeskalation

Wenn Diskussionen hitzig werden, aber noch nicht eskaliert sind, lohnt es sich als ersten Schritt, mehr Besonnenheit in eine Unterhaltung zu bringen – egal ob du selbst Teil der Unterhaltung bist oder nur mitliest. Dabei hilft:

Sarah Gassenmann von ichbinhier e.V.
Sarah Gassenmann von ichbinhier e.V.
  • Atme durch

    Atme einmal durch und frage dich: Warum genau stört mich der Beitrag/ Kommentar so sehr? Auf diese Weise bleibst du bei dir und kannst in Ruhe Argumente finden oder Fragen formulieren, die dir helfen, weniger konfrontierend auf einen Beitrag zu reagieren.

  • Bleib sachlich und frag nach

    Lass dich von negativen Kommentaren – auch von Sarkasmus oder Ironie – nicht aus der Ruhe bringen. Ein nett und höflich geschriebener Kommentar wirkt entwaffnend.

    Oft können Missverständnisse mit einer Frage aus dem Weg geräumt werden. Damit begibst du dich nicht direkt in die Konfrontation, sondern schaffst zunächst Klarheit.

    Beispielsätze: Kannst du erklären was du damit meinst? Wie kommst du darauf? Wieso denkst du das?

    Wenn jemand mit seinem Kommentar das Gespräch in eine andere thematische oder emotionale Richtung lenken will, mache freundlich darauf aufmerksam: Du wechselst gerade das Thema – darum geht es hier nicht.

  • Empathie ansprechen

    „Die meisten Menschen haben Empathie – die sollte man nutzen”, rät Tajana Graovac. „Wenn dein Gegenüber verletzend wird, hilft es, sie oder ihn daran zu erinnern, dass man auch im Internet mit echten Menschen kommuniziert.”

    Beispielsatz: Dein Kommentar zu Nachbar*in xy könnte deinem Gegenüber weh tun.

Tipps zur Gegenrede  

Was kannst du tun, wenn eine Unterhaltung im digitalen Raum zum Konflikt wird, bei dem womöglich Einzelne beleidigt werden? Egal ob Meinungsverschiedenheit oder eskalierender Konflikt, Tajana Graovac empfiehlt:

„Gegenrede lohnt sich immer!”
Björn Kunter von LOVE Storm (Bild: privat)
Björn Kunter von LOVE Storm (Bild: privat)

Sarah Gassenmann weiß: „Es gibt jede Menge Menschen, die mitlesen und die den Ton einer Diskussion aufnehmen und die super froh sind, wenn irgendjemand sich nicht alles bieten lässt und sich quasi stellvertretend für sie nicht kleinkriegen lässt.“

Wie sieht gute Gegenrede aus?

Björn Kunter, Gründer des Projekts LOVE-Storm: Gemeinsam gegen Hass im Netz, stellt die drei Prinzipien der Gegenrede von LOVE-Storm vor:

  • Angegriffene stärken

    An erster Stelle steht für Björn Kunter, die angegriffene Person zu unterstützen. Das sei viel wichtiger, als sich auf die Beleidigung oder den Angriff zu fokussieren.

  • Unterstütze öffentlich

    Kommentare wie Tut mir leid, dass du dir das anhören musst! oder Nimm das nicht so ernst zeigen der betroffenen oder angegriffenen Person, dass auch andere Menschen auf ihrer Seite stehen und sie wahrnehmen.

    Weitere Beispielsätze:

    Ich finde deinen Beitrag sinnvoll.
    Ich stehe hinter dir.
    Ich teile deine Meinung.

    Sarah Gassenmann betont, dass den Betroffenen symbolische Unterstützung hilft: Zeige ihnen etwa durch die Reaktionen bei nebenan.de wie „Danke” oder „Bravo”, dass sie mit ihrer Meinung nicht allein sind.

  • Reagiere schnell

    Tajana Graovac weiß, dass bei Diskussionen im digitalen Raum Schnelligkeit gefragt ist: „Wenn sich kleine Sticheleien aufschaukeln, sollte man lieber früher als später eingreifen. Sonst riskiert man, dass sich weitere Streithähne eingeladen fühlen, mitzumachen.”

  • Zuschauende mobilisieren

    Bei Online-Konflikten gibt es immer eine schweigende Mehrheit, die mitliest. Gegenrede lohnt sich nicht nur für die Betroffenen, sondern ebenso sehr für diese stillen Mitlesenden. Mit Gegenrede zeigt man, dass es andere Meinungen als die dominante gibt.

    Beispielsatz: Nein, das sehe ich anders!

  • Sprich die stillen Mitlesenden an

    Es kann sich auch lohnen, die schweigende Mehrheit mit einer Frage direkt anzusprechen und sie zu ermutigen, sich ebenfalls konstruktiv einzubringen.

    Beispielsatz: Wer liest das mit? Wie findet ihr das?

  • Unterstützt euch gegenseitig

    Andere Nutzer*innen beteiligen sich konstruktiv? Zeige durch einen zustimmenden Kommentar oder eine Reaktion, wie „Danke”, deine Dankbarkeit für die Unterstützung. Durch gegenseitige Hilfe verbündet ihr euch und zeigt einander, dass in eurer Nachbarschaft niemand allein gelassen wird.

  • Angreifenden Grenzen setzen

    Aus Erfahrung weiß Björn Kunter:

„In 90 % der Fälle kann man sein Gegenüber nicht von seiner Meinung überzeugen.”

Bei eskalierenden Diskussionen ist es daher wichtiger, Grenzen aufzuzeigen und die Daseins-Berechtigung anderer Meinungen nicht zu vergessen.

Sarah Gassenmann erklärt: „Jeder muss seine persönliche Grenze bewahren – auch im Internet. Und wenn die eigene persönliche Grenze überschritten wird, kann man das sagen: ‘Mir wird das hier zu viel’.“ Sie betont: „Ihr dürft unterschiedlicher Meinung sein – bleibt menschlich dabei.“

Im Ernstfall: Beiträge melden 

Wenn Beitrags- und Kommentarrichtlinien überschritten werden, sollten Beiträge immer gemeldet werden. Bei erhöhtem Aufkommen kann es passieren, dass gemeldete Beiträge noch einige Stunden online stehen. Daher ist aktive Gegenrede so wichtig. 

Mit Überforderung umgehen 

Die erste Reaktion auf eskalierende Streits ist oft, weiter zu scrollen. „Überforderung ist eine normale Reaktion,” weiß Björn Kunter aus Erfahrung. Das heißt: Beim ersten oder zweiten mal musst du dich wahrscheinlich noch überwinden, aktiv einzuschreiten. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister! 

Gemeinsam üben

Du hast Lust, dich mit deinen Nachbar*innen zum Thema digitale Zivilcourage und Gegenrede auszutauschen? In einer geschlossenen Gruppe bei nebenan.de könnt ihr eure Erfahrungen und Tipps miteinander teilen und euch gegenseitig unterstützen, wenn jemand mal nicht weiter weiß.

Konfliktlösung offline 

Manche Konflikte lassen sich online schlecht auflösen. Wenn dir etwas am Austausch mit deinem Gegenüber liegt, lade ihn oder sie zu einem Kaffee ein. Lies dir davor die Tipps von der Expertin für Streitschlichtung Christina Kotschubin durch. 

In vielen Nachbarschaften gibt es auch Kommunikationsprofis, die Unterstützung bei Konflikten geben können – beispielsweise durch Mediation oder Training in gewaltfreier Kommunikation. Schau dich bei den Empfehlungen in deiner Nachbarschaft um! 

So setzt sich nebenan.de gemeinsam mit Nutzer*innen für eine gute Gesprächskultur ein. Für einen konstruktiven und toleranten Meinungsaustausch. Und für Nachbarschaften, in denen sich alle Beteiligten wohl fühlen können – sowohl alteingesessene als auch neu zugezogene Nachbarinnen und Nachbarn. 

Weitere Ressourcen: 


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Rosanna Steyer | nebenan.de

Rosanna verstärkt das Kommunikationsteam von nebenan.de seit März 2020. Sie studiert im Master an der Freien Universität Berlin und schloss zuvor ihren Bachelor im Fach Theaterpädagogik ab.

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