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Sehnsuchtsort Heimat – eine Wegbeschreibung von Dr. Henning von Vieregge


Mit seinem Buch „Wo Vertrauen ist, ist Heimat – auf dem Weg in eine engagierte Bürgergesellschaft“ will der Sozialwissenschaftler Dr. Henning von Vieregge Mut machen: für mehr Engagement und Vertrauen, auch in der Nachbarschaft.

Henning von Vieregge (Bild: vonvieregge.de)
Henning von Vieregge (Bild: vonvieregge.de)

Dr. Henning von Vieregge ist Botschafter der Nachbarschaftsplattform nebenan.de und freiberuflich als Berater, Referent und Coach in ganz Deutschland unterwegs. Auf seiner Webseite vonvieregge.de setzt er sich intensiv mit den Themen Demographischer Wandel und Zukunft der Zivilgesellschaft auseinander.

In seinem neuen Buch beschreibt von Vieregge ausführlich die Beziehung zwischen Vertrauen und Heimat und betrachtet auch das nachbarschaftliche Miteinander und Engagement. Jetzt läuft die Crowdfunding Kampagne für sein Buch beim oekom Verlag. Noch bis zum 21. Oktober kann man Exemplare vorbestellen und so die Produktion sichern.

Wie bürgerschaftliches Engagement zu einer lebendigen, vielfältigen und vertrauensvollen Nachbarschaft beiträgt – und somit ein Heimatgefühl schafft, hat Henning von Vieregge uns im Interview erzählt:

Was gab den Anstoß für das Buch „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“?

H.v.V.: Nach meinem Berufsausstieg habe ich mich intensiv mit Ehrenamt und Engagement beschäftigt. Ich wollte ein Buch schreiben, in dem bürgerschaftliches Engagement im Mittelpunkt steht. Als ich anfing zu schreiben, ging es hauptsächlich um verschiedene Formen von Engagement. Als ich aufhörte zu schreiben, ging es um Heimat.

In „Wo Vertrauen ist, ist Heimat“ beleuchte ich, welche Rolle das bürgerschaftliche Engagement spielt, um Vertrauen zu entwickeln und so ein Heimatgefühl zu schaffen – für uns und andere.

Sie schreiben, dass Heimat nie abgeschlossen ist, sondern ein Prozess mit vielen Mitspielern ist. Welche Rolle spielen dabei die Nachbarn?

H.v.V.: Nachbarn spielen eine ganz wichtige Rolle: wann immer wir in Kommunikation mit einer Person stehen, entsteht Sozialkapital, nennen wir es hier Vertrauen. Dieses Vertrauen zu vermehren ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Gesellschaft, der Familie und auch in der Nachbarschaft.

Nach innen entsteht das Vertrauen durch Interaktion mit der Familie, indem wir uns Zeit füreinander nehmen, uns wirklich unterhalten und gemeinsam etwas unternehmen. Vor der Haustür sind die Nächsten unsere Nachbarn: Aus kurzen Begegnungen auf der Straße können Freundschaften und sogar Wahlverwandtschaften entstehen.

(Bild: vonvieregge.de)
(Bild: vonvieregge.de)

Durch eben diese nachbarschaftlichen Beziehungen können wir Verluste innerhalb der Familie ausgleichen. Hier sind keine emotionalen Verluste gemeint, sondern die durch räumliche Distanz hervorgerufenen Verluste. Denn viele Familien leben heutzutage verstreuter.

Genau diese räumliche Distanz zwischen Familienmitgliedern macht das Thema Nachbarschaft in Bezug auf unsere Sehnsucht nach Heimat sehr wichtig. Natürlich ist dies kein leichter Ansatz, denn ein Stück Distanz wird zwischen Nachbarn immer bestehen.

Haben Sie das Gefühl, dass das Vertrauen in der lokalen Gemeinschaft zunehmend verloren geht?

H.v.V.: Wenn man sich umhört, überwiegt der Pessimismus: „Früher war alles möglich in der Nachbarschaft, heute geht das nicht mehr“, bekommt man oft in Bezug auf Nachbarschaftshilfe zu hören. Viele Menschen übersehen dabei jedoch, dass sich in den letzten 30 Jahren eine gewaltige Engagement-Landschaft entwickelt hat, mit Nachbarschaft im Zentrum.

Klar ist jedoch: Ohne Anstrengung gehen Nähe, Empathie, Zuwendung und Engagement eher verloren, als dass sie gewonnen werden. nebenan.de ist meiner Meinung nach eine Chance für uns alle, um diese Nähe zu unseren Mitmenschen wieder leichter herstellen zu können.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Digitalisierung sowohl Distanz als auch Nähe schafft – wie wirkt sich dies auf unsere Nachbarschaft aus?

H.v.V.: Das Instrument Digitalisierung hat viele Ambivalenzen: Von Suchtanfälligkeit bis zu großen Chancen für die verschiedensten Bereiche ist alles möglich. Wichtig ist, dass es auch im Digitalen Regeln für den Umgang untereinander und das Miteinander geben muss.

In Bezug auf Nachbarschaft, noch genauer auf digitale Nachbarschaftsplattformen, sind diese Regeln unumgänglich. Sie fördern den respektvollen Umgang miteinander und schaffen eine gewisse Transparenz, die benötigt wird, um das oben beschriebene Vertrauen hervorbingen zu können.

nebenan.de ist da ein gutes Beispiel, denn hier sind diese anstandsfördernden Regeln vorhanden und funktionieren auch.

Der Heimatbegriff ist in letzter Zeit oft auch von rechts vereinnahmt worden. Wie können wir den Begriff wieder positiv besetzen?

H.v.V.: Der Begriff an sich ist ein konservativer. Er beschreibt ein Wohlfühlen in einer Situation, die sich am besten nicht verändert. Wenn man jedoch dafür plädiert, Wohlfühlen und Veränderung zusammen zu bringen, kann man den Heimatbegriff auch in eine sich dauernd verändernde Moderne hinein transportieren. Ein Bild kann das verdeutlichen:

Ich sitze mit meinen Freunden, meiner Familie und meinen Nachbarn in einem Kreis zusammen, und das ist ein großer Gewinn. Ein noch größerer Gewinn ist es, wenn die Tür zu diesem Raum offen steht und ein Platz im Kreis frei ist, für eine neue Person.

Wir müssen andere Menschen mit Neugier und Offenheit empfangen und ihnen mit einer positiven Grundeinstellung begegnen. Offenheit ist, was den Begriff Heimat aus dieser Wagenburgmentalität rausholt und die Stärken des Begriffs, wie das Wohlbefinden bewahrt.

Was raten Sie jedem, um seine Nachbarschaft und vielleicht damit auch sein Heimatgefühl zu verbessern?

H.v.V.: Man sollte die Chancen der Selbstbeheimatung nutzen: Auch wenn ich noch neu bin und mich noch unwohl fühle, kann ich etwas für mein Heimatgefühl tun. Ich kann mir die Umgebung durch kluges Handeln, Stadtführung oder Engagement erschließen und kann mich damit selbst beheimaten.

An dieser Stelle möchte ich auch auf den Dalai Lama verweisen: Ein Lächeln verändert viel. Jeder sollte Freundlichkeit aktiv praktizieren, indem man öfters grüßt und Danke sagt. Das macht unendlich viel aus im Kleinklima in der Nachbarschaft. Irgendwann wird man zurück gegrüßt und unverhofft angelächelt.


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Tags Created with Sketch. Ehrenamt Engagement Gesellschaft Visionen Heimat
Johanna Meinel | nebenan.de

Johanna Meinel unterstützt das Kommunikationsteam von nebenan.de seit April 2018. Unter anderem beschäftigt sie sich mit Begegnungsformaten in der Nachbarschaft – online und offline.

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