Nachbarn in Aktion

Überraschungsgeschenk mit Folgen: Münchner inszenieren Oper für ihren Nachbarn

Bild: nebenan.de

Kleiner Anlass, große Wirkung: Nachbarn aus München-Schwabing bereiten für einen ihrer engagiertesten Nachbarn eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung vor: Eine selbst inszenierte Oper! Der Weg dahin: steinig. Das Ergebnis: bezaubernd. Der Ausblick: vielversprechend. Ein Gastbeitrag von Gerd Wilhelm.

Gerd als Papageno (Bild: privat)

Gerd Wilhelm ist nebenan.de-Nachbar der ersten Stunde aus der besonders aktiven Nachbarschaft „Schwabinger-See“ in München. Kürzlich hat ihn ein Erlebnis besonders bewegt, wie er in seinem Gastbeitrag schreibt:

Die Idee zu dieser besonderen Feier entstand aus der Not heraus. Unser Nachbar HansPeter und Organisator vieler nachbarschaftlicher Aktivitäten wollte seinen runden Geburtstag nicht nur mit Verwandten und Bekannten, sondern auch mit uns, seinen Nachbarn feiern.

Es sollte eine Feier werden wie ein großer Stammtisch unter Nachbarn und Freunden, zwanglos und locker wie er eben selbst ist, mit Musik zum Tanzen, die sein Sohn auflegt.

Und natürlich wollte er keine gekauften Geschenke, denn unsere Gesellschaft war ihm schon Geschenk genug.

Eine Idee gedeiht

Auf einem nebenan-Tanzabend machten wir Nachbarn uns Gedanken über ein passendes Geschenk. Die größte Freude für ihn wäre, wenn wir selbst etwas aufführten. Eine Nachbarin dachte an eine Einlage mit einem Handpuppen-Spiel. „Die 3 Tenöre, das würde doch zu unserem Jubilar passen“, meinte eine andere, „er mag ja Klassik und Oper sehr“. Eigentlich keine schlechte Idee, doch wäre dann die Einlage nur auf drei Mitwirkende beschränkt – aber wir waren jetzt schon mehr, die ihn überraschen wollten.

Da kam uns die zündende Idee: Wir bringen die Oper zu unserem Nachbarn und spielen selbst. Aber eine eigene Oper auf der Bühne? Wie beginnt man das? Selbst singen, hätte den Saal geleert. So kam nur Playback in Frage. Der Plan stand.

Die Umsetzung

Bald hatte ich eine verschwiegene Truppe beisammen, die unserem Nachbarn HP, wie HansPeter alle nennen, nichts von unseren Opernplänen verraten durfte. Denn das wichtigste des kleinen Scherzes sollte doch die Überraschung sein.

In der ersten Begeisterung kam breite Zustimmung, „Großartige Idee, ja da mach ich mit, helfe gerne“, dann das Erwachen: „Was Bühne, ne das kann ich nicht, singen kann ich sowieso nicht“.

Doch es gelang mir, alle davon zu überzeugen, dass der kleine Scherz HP gewiss eine große Freude bereiten würde. Die Aufgaben wurden verteilt. Eine Nachbarin sollte herausfinden, was HP’s Lieblingsopern sind. Bald kamen wir auf die „Zauberflöte“ und statt eines Medleys, aus mehreren Arien unterschiedlicher Opern entschieden wir uns für nichts Geringeres als die ganze Zauberflöte in 30 Minuten.

Vom Nachbarn zum Schauspieler

Wir verteilten die Rollen. Die männliche Hauptrolle, des ‚Papagenos‘ fiel mir zu, dem einzigen männlichen Darsteller in dieser Gruppe. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, mir hätte ja Technik und/oder Organisation auch gereicht. Aber als einer der Initiatoren hatte ich keine andere Wahl.

Die zweite männliche Hauptrolle des ‚Sarastro‘ wurde mit Irene, unserer Nachbarin aus „Milbertshofen Ost“, großartig besetzt. Wir hatten zwei ‚Papagenas‘, Iris aus unserer Nachbarschaft vom „Schwabinger See“ und Veronika vom „Schwabinger Krankenhaus“. Die Rolle der ‚Pamina‘ übernahm Barbara aus der „Münchner Freiheit“. Das ‚Papagenchen’ fiel unserer Angelika aus unserer Nachbarschaft vom „Schwabinger See“ zu.

Um den Inhalt der Zauberflöte bei 6 ausgewählten Arien für alle verständlich zu machen, gab Damaris (ebenfalls vom „Schwabinger See“) die Erzählerin und verband die Arien mit erklärenden Worten. Sie war die Einzige unter uns mit aktiver Schauspiel- und Bühnenerfahrung. So wurde durch ihren Kunstgriff aus einem Geburtstagsscherz ein echtes Kammerstück. Und unsere Opern- und HP-Kennerin Elfie war eine professionelle Souffleuse.

Kleidertausch für Operndiven

Die Kleiderfrage – ist bei einer so großen Anzahl werdender Operndiven natürlich ein zentrales Thema. Nach Nebenan-Tausch-Manier entrümpelten alle mitwirkenden Damen ihre Kleiderschränke und legten zusammen. Jeder suchte sich das für seine Rolle passende Accessoire. Für mich, den gefiederten Papageno, gab es nur einen Hut und eine Federboa. Selbst ist der Hahn im Korb, dachte ich und besorgte mir Federersatz, nahm meine Nähmaschine und schneiderte mein Federkostüm selbst.

Die Zeit drängte. Gerade mal fünf Proben bis zur Aufführung mussten reichen, davon nur eine auf der echten Bühne des Veranstaltungssaales, in einer ebenfalls angrenzenden Nachbarschaft.

Aber es war ein großartiges, verbindendes Miteinander, jeder fühlte sich in seiner Rolle wohl, brachte Ideen ein, es war eine großartige Truppe, auch ganz ohne Auftritt.

Die Premiere

Der Abend der Geburtstagsfeier kam und es wurde ernst. Damaris, unsere Erzählerin machte uns noch Mut, dann mussten wir raus. Magdalena, die nicht mit uns auf die Bühne konnte, hatte die Aufgabe, HansPeter, im Namen von uns Nachbarn zu gratulieren und ihn auf seinen „Logen-Stuhl“ zu setzen.

Der Raum verdunkelte sich und es wurde still und alle – Groß und Klein – starrten auf die Bühne.

Es gab kein Zurück. Das Lampenfieber stieg, die Aufführung begann, nichts funktionierte genauso wie geprobt – und niemand hatte es bemerkt.

Das Publikum applaudierte begeistert nach jedem Lied. Und HPs Glück und Dankbarkeit war ihm ins Gesicht geschrieben. Er kannte die Oper so gut, dass er jede Arie mitsang, und beim Schlusschor „die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht“ ganz ergriffen aufstand und die Gäste mitriss, ihm gleich zu tun und alle hielten sich bei der Hand.

Ein wahrlich nachbarschaftlicher Glücksmoment. Der Applaus am Ende schien nicht enden zu wollen. HP bedankte sich bei uns mit den Worten: „Es war das schönste Geburtstagsgeschenk, an das ich mich je erinnere.“ Dieses Lob war der würdige Lohn für uns.

Keine Eintagsfliege

Eine so intensive Zusammenarbeit unter Nachbarn, die sich sonst nur vom Stammtisch oder Kegeln kennen, wirft seine Schatten. Aus der kleinen Idee „4 Lieder als Geburtstagsscherz“ wurde eine großartige Aufführung von Nachbarn für Nachbarn. Unsere Zusammenarbeit hatte uns so zusammengeschweißt, dass wir „Zauberflöten“ noch mehr gemeinsam unternahmen.

Wir waren auf dem Oktoberfest, hatten ein opernhaftes Weißwurstfrühstück und einen Amadeus-Filmabend bei HP. Und weil keiner von uns Darstellern die Zauberflöte je gesehen hatte, beschlossen wir nun, zusammen mit ihm die Zauberflöte im Januar selbst und vollständig anzuschauen.

Gelebte Nachbarschaft und Miteinander

Für mich war es einfach wunderbar zu erleben, wie aus Nachbarn eine Gemeinschaft wird, die ein gemeinsames Ziel erfolgreich verwirklicht.

Intensives gemeinsames Arbeiten schweißt zusammen: Daher wird es nicht bei der Geburtstagsaufführung bleiben. Aus den „Zauberflöten“ wurde unter der Führung von Damaris eine wahrhafte Theatergruppe gegründet, die noch viel vorhat.

Bei der ersten Probe wurde schon diskutiert, nicht nur für Nachbarn, sondern evtl. auch in Altenheimen und Krankenhäusern zu spielen.

Und weil diese Geschichte so märchenhaft ist, möchte man mit den Worten enden: Und wenn sie nicht gestorben sind, so spielen sie noch lange für uns weiter.

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Über den Autor

Gerd Wilhelm ist Nachbar der ersten Stunde bei nebenan.de aus der Nachbarschaft „Schwabinger-See“ in München. Er organisiert dort viele Aktivitäten, um die Nachbarn aus ihrer Einsamkeit herauszulocken, z.B. eine Kegelgruppe, Tanzgruppe oder Minigolf. Er hilft u.a. beim Stadtgarten-Projekt, Foodsharing und Ausflügen mit der Nachbarschaft.

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Alle Geschichten des nebenan.de Adventskalenders findest du täglich neu unter magazin.nebenan.de/adventskalender.


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Hannah Kappes | nebenan.de

Hannah Kappes arbeitet seit 2017 im Kommunikationsteam von nebenan.de. Zuvor war sie als Journalistin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.