Bild: Wooligans

Wärme schenken: „Wooligans“ stricken für obdachlose Menschen in Hamburg


Die „Wooligans“ treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Stricken und Häkeln – kurz: „sträkeln“ – in Hamburg-Altona. Sie verteilen die Schals, Mützen, Socken und Pullis an Obdachlose in ganz Hamburg – und spenden damit Wärme.

Sarah (Bild: Wooligans)
Sarah (Bild: Wooligans)

„Es ist kalt da draußen, nicht nur im Winter“, findet Sarah. Sie ist eine der vier Frauen hinter der Initiative „Wooligans – Stricken für obdachlose Menschen in Hamburg“.

Sie hatte 2017 die Idee, gemeinsam für den guten Zweck zu stricken und zu häkeln.

Was die Wooligans schon alles erreicht haben und wie man sich – auch außerhalb Hamburgs – für eine wärmere Welt einsetzten kann, erzählt Sarah im Interview:

Eure Initiative gibt es seit 2017, was gab damals den Anstoß, die Wooligans ins Leben zu rufen?

Sarah: Stricken ist ja nicht das angesagteste Hobby, das war mir am Anfang bewusst. Aber ich hatte schon lange die Idee, eine regelmäßige Strick- und Häkelgruppe ins Leben zu rufen. Mit meinen Mitstreiterinnen Meike, Johanna und Anne habe ich dann beschlossen, es einfach auszuprobieren.

Unser Ziel war es, eine Brücke zwischen Menschen jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft zu schaffen und durch unsere Arbeit etwas mit und für Senioren und Obdachlose zu tun. Für mich war Handarbeit eine tolle Möglichkeit dafür.

Wie hast du das erste Stricktreffen in Erinnerung?

Sarah: Wir waren natürlich aufgeregt und konnten gar nicht einschätzen, wie viele Menschen kommen würden. Wir hatten zwei große Tische und fünf Kisten voller Wollspenden. Zu unserem ersten Wooligans-Treff kamen dann 15 strickfreudige Menschen. Unter ihnen auch eine Dame, die bis heute noch dabei ist. Sie hat von Anfang an eine tolle Stimmung und viel Knowhow mitgebracht.

Alles in allem war es ein super schöner Einstieg und seitdem machen wir das jeden 3. Sonntag im Monat. Im November 2018 feiern wir unseren ersten Geburtstag!

Mittlerweile nehmen bei euren Treffen bis zu 50 Menschen teil – sind das alles Profis oder auch blutige Anfänger?

Sarah: Es kommen überwiegend Leute, die bereits ganz oder sehr gut stricken können. Trotzdem ist jeder willkommen und wird gerne eingelernt. Manchmal sind auch Jugendliche und Kinder dabei, die bekommen dann von den älteren Strick- und Häkelprofis einen Crashkurs.

Uns ist ganz wichtig: Es ist ganz egal, woher du kommst, wer du bist, was du kannst oder was du gelernt hast. Ein Hobby verbindet. Nichts ist einfacher als über eine Brücke zu gehen, wenn es etwas gibt, das dich mit anderen verbindet.

Gibt es eine besonders schöne Anekdote vom "Sträkeln"?

Sarah: Es gibt in der Tat viele schöne Begegnungen bei den Wooligans-Treffen, aber eine besonders schöne Situation habe ich ganz zufällig bei einer der ersten Verteilungen erlebt: Wir hatten damals viele bunte Sachen gestrickt und machten uns ein bisschen Sorgen, dass sie unter den Obdachlosen keinen Abnehmer finden würden. Das Leben auf der Straße ist nicht einfach und sauber sicher nicht. Daher werden in der Regel gedeckte Farben bevorzugt, dann sieht man den Schmutz nämlich nicht so sehr.

Ganz oben auf der Kiste mit dem Selbstgestrickten lag eine bunte Neonmütze mit Bommel. Ich dachte schon, die werden wir nicht los, als ich hinter mir einen jungen Mann rufen hörte: „Die ist ja total cool, kann ich die bitte haben?“. Er hat sie sich sofort aufgesetzt und fand sich super schön mit dieser Mütze auf dem Kopf. Diesen Moment werde ich nie vergessen, er war erfüllt von Freude und Wärme.

Eure Arbeit kommt vielen Bedürftigen auf der Straße zu Gute. Worin liegt der Anreiz für die vielen engagierten Wooligans?

(Bild: Wooligans)
(Bild: Wooligans)

Sarah: Wir bekommen dafür kein Geld, oft nicht einmal direktes Feedback dazu, wie ankommt, was wir machen. Es ist einfach ein gutes Gefühl für jemand anderen etwas zu tun. Das ist eine ganze Menge.

Manchen ist es bei den Treffen zu wuselig oder sie können aus anderen Gründen nicht physisch an den Strickaktionen teilnehmen. Sie stricken lieber zu Hause. Aber alle wollen helfen, etwas zurückgeben und sich gebraucht oder nützlich fühlen.

Unter den Teilnehmern finden oft angeregte Diskussionen über Ehrenamt und Engagement statt. Es geht natürlich in erster Linie um das Produzieren von warmen Kleidungsstücken für die Bedürftigen.

Gemeinschaft und Austausch kommen dabei nicht zu kurz und sind genauso wichtig für den Geist der Wooligans.

Wie viele Pullis, Schals, Mützen und Socken haben die Wooligans bis heute gesträkelt?

Sarah: Um die Transparenz zu wahren und einen Überblick zu behalten, erstellen wir jeden Monat eine Statistik für die fleißigen Strickerinnen. Wir arbeiten nur mit Spendenwolle, die uns inzwischen aus ganz Deutschland und der Schweiz zugeschickt wird.

Aus diesen unzähligen Wollspenden wurden bis heute rund 2.500 Stricksachen gefertigt und verteilt. In den Sommermonaten werden im Schnitt 120 Teile gefertigt, im März dagegen waren es über 600!

Wie kann man euch abgesehen von den Stricktreffen unterstützen?

Sarah: Ganz klar mit Wollspenden! Es ist ganz egal ob Rest oder frisches Knäuel, wir freuen uns über jeden Faden. Natürlich kann man uns auch seine selbstgestrickten Sachen zuschicken, besonders gefragt sind Socken (Größen 39-45), Mützen, Pulswärmer, Handschuhe, Stulpen für Arme und Beine, Loops, Stirnbänder und Schalkragen.

Eine Dame auf Norderney schickt uns etwa einmal im Monat ein Paket mit gestrickten Sachen. In Hamburg kann man die Sachen an verschiedenen Orten abgeben. Wir holen auch Wolle oder Gestricktes ab, wenn es nicht möglich ist zu einem Treffen zu kommen.

Wie fühlst du dich nach einem Jahr Wooligans?

Sarah: Es ist eine große Freude zu sehen, wie viele Menschen sich unserer Initiative angeschlossen haben. Obdachlosigkeit kann jedem passieren. Doch leider geht die Gesellschaft nicht nett mit obdachlosen Menschen um. Dabei sind es Leute wie du und ich.

Durch unsere selbstgestrickten Sachen können wir diesen Menschen etwas geben, das sie sonst nicht bekommen – nämlich Wertschätzung.

Jeder Mensch weiß, dass etwas Handgemachtes ein gewisses Maß an Arbeit und Mühe braucht. Die Menschen auf der Straße wissen besonders wertzuschätzen, dass andere Personen sich die Mühe machen und die Zeit nehmen, um ihnen eine Freude zu machen.

Ich wünsche mir, dass wir auch in Zukunft nicht weggucken, sondern versuchen, Obdachlose mehr wahrzunehmen und auf sie zuzugehen. Sei es mit selbstgestrickten Socken, einem Lächeln oder einem kurzen Gespräch. Denn nichtwahrgenommen zu werden, ist das Schlimmste, was es für Menschen gibt.

Die Wooligans treffen sich noch bis Ende des Jahres in den Räumlichkeiten des Seniorentreffs der AWO in Hamburg-Altona. Auch im nächsten Jahr werden die Treffen voraussichtlich dort stattfinden. Die kommenden Termine und Neuigkeiten rund um die Wooligans gibt es unter wooligans.net und auf facebook.com/wooliganshamburg.


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Johanna Meinel | nebenan.de

Johanna Meinel unterstützt das Kommunikationsteam von nebenan.de seit April 2018. Die Masterstudentin hat zuvor ihren Bachelor in den Fächern Skandinavistik und Volkswirtschaftslehre abgeschlossen.

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