Wann hast du das letzte Mal eine Geschichte aus deinem Leben erzählt? Nichts fesselt mehr als eine gute Erzählung. In diesem Artikel verraten wir dir, wie die Geschichten aus deiner Nachbarschaft in Erzählcafés lebendig werden.

Sich gegenseitig zuzuhören, öffnet Welten. Auf einmal kann man die andere Person ganz neu verstehen. Zuhören erlaubt es, die Welt durch die Augen des anderen zu sehen und regelrecht zu spüren, was das Gegenüber erlebt hat.

Jede Nachbarschaft bietet unzählige solcher Geschichten. In Erzählcafés werden die kleinen und großen Geschichten aus deiner Nachbarschaft lebendig.

Erzählcafés und Erzählsalons

Erzählen und Zuhören sind die Brücke zur Gemeinschaft. Johanna Kohn vom Netzwerk Erzählcafé sagt:

Das Wichtigste ist: Zuhören und Erzählen sind gleichwertig. Die Aufmerksamkeit liegt auf der Geschichte, die erzählt wird.

Erzählcafés sind Erzählrunden, bei denen die Lebensgeschichten und Erfahrungen der Teilnehmenden im Zentrum stehen. Nach dem Mauerfall etablierte sich in Berlin an vielen Orten Erzählcafés, bei denen Nachbarn aus Ost und West ihre Geschichten teilen und so die Perspektive der anderen Seite besser nachempfinden konnten.

Katrin Rohnstock (Bild: Sebastian Bertram)

Für Nachbarn bieten Erzählcafés die Möglichkeit, sich zu begegnen, näher kennenzulernen und zu verstehen.

"Wenn man so einer persönlichen Erzählung lauscht, hört man oft sehr schnell heraus, was der andere eigentlich braucht - die Geschichte zeigt unsere Bedürfnisse im Tagtäglichen", erklärt Katrin Rohnstock, die in Berlin regelmäßig sogenannte Erzählsalons anbietet.

Ob Geschichten über den persönlichen Bezug zu bestimmten Orten aus der Nachbarschaft, bestimmten Personen, Epochen oder aktuelle Ereignisse: Das Format bietet Raum für eine große Themenvielfalt.

So startest du ein Erzählcafé in deiner Nachbarschaft

Es gibt verschiedene Varianten, wie du dein Erzählcafé aufbauen kannst. Es hat sich bewährt, sich ein Thema vorzunehmen und dieses von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft zu betrachten.

Zum Beispiel: “Dein Lieblingsort in der Nachbarschaft: Damals, heute, morgen.”

Wichtig ist: Eine Person sollte die Moderation übernehmen und darauf achten, dass der Austausch respektvoll abläuft. Mehr dazu im Abschnitt Moderation weiter unten.

Planung

  • Lege den Ort fest

    Erzählcafés können z.B. in Bibliotheken, in Quartierstreffpunkten, in Altersheimen oder in Gemeinderäumen stattfinden. Hier ist Kreativität gefragt! Fällt dir ein Ort ein, der gut zu deinem Thema passt? Vielleicht gibt es einen Ort, der für viele Nachbarn sogar einen Lieblingsort darstellt?

    Du kannst auch deine Nachbarn bei nebenan.de fragen, ob ihnen ein schöner Ort einfällt. Ein Stuhlkreis bietet sich an. Wichtig ist, dass ihr euch und die Moderation gut hören könnt.

  • Finde einen Termin

    Lege ein Datum und einen zeitlichen Rahmen fest. 2-3 Stunden sind ein guter Rahmen, um am Ende noch genügend Zeit für einen entspannten Abschluss zu finden. Für die Terminfindung kannst du die Terminumfrage bei nebenan.de nutzen.

  • Essen & Trinken

    Ein kleiner Imbiss sowie Getränke sind ein wichtiger Bestandteil für die Abschlussrunde des Erzählcafés. Wähle einen Ort, in dem ihr entweder etwas bestellen oder jeder selbst etwas mitbringen kann.

  • Moderation

    Jedes Erzählcafé wird von einem Moderator oder einer Moderatorin geleitet, um spontane Fragen einzubringen und einen respektvollen und vertrauensvollen Raum zu schaffen. Entweder du gestaltest die Moderation selbst oder suchst nach jemanden, der diese Rolle übernehmen möchte. Zur Moderation gehört auch, die Regeln für das Erzählcafé vorzustellen:

Regeln

  • Jeder der Teilnehmer kann, keiner muss eine Geschichte erzählen.

  • Erzählen ist genauso viel wert wie Zuhören. Keine Kommentare, Diskussionen oder Unterbrechungen.

  • Die Zeitanteile pro Erzähler müssen fair sein. Alle, die sprechen wollen, sollten die Gelegenheit dazu bekommen. 5 Minuten pro Erzählung sind eine gute Richtlinie (hier sollte die Moderation auch eingreifen, wenn eine Erzählung zu ausschweifend wird).

  • Es bestehen keine Erwartungen an das Ergebnis oder Fazit eines Erzählcafés.

  • Die Erzählungen werden wertschätzend behandelt.

Die Rolle der Moderation beinhaltet auch, verschiedene Stimmen sprechen zu lassen. Wenn eine Erzählung beispielsweise sehr einseitig ist, ist es wichtig, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen.

Im Interview mit dem RBB berichtet Katrin Rohnstock (ab '29:50) darüber, welches Potential sich beispielsweise entfalten kann, wenn man Menschen aus dem linken und rechten politischen Spektrum an einen Tisch bringt.

Das Netzwerk Erzählcafé hat zudem mit der Charta für sorgsam moderierte Erzählcafés eine tolle Arbeitsgrundlage geschaffen. Dort findest du weitere Impulse für eine gelungene Moderation.

  • Thematische Vorbereitung

    Die Moderation sollte sich vor der Veranstaltung vorbereiten, um gut in das Thema einführen zu können und die Reflexion der Teilnehmer anzuregen.

    Für dieses Beispiel nehmen wir das Thema “Dein Lieblingsort”. Um ein eigenes Thema zu entwickeln, überlege dir ein Thema aus dem Alltag, zu dem jeder etwas erzählen könnte und das du selbst spannend findest ( siehe Arbeitsgrundlage M1).

1. Überlege dir Leitfragen

Mit guten Fragen kannst du die Teilnehmer anregen, sich mit bestimmten Aspekten des Themas auseinanderzusetzen. Nutze dazu z.B. die Arbeitsgrundlage M3. Zum Thema Lieblingsort könnte das z.B sein “Was war dein Lieblingsort in deiner Kindheit und warum?”, als vertiefende Frage im zweiten Gesprächsteil “Was ist dein Bezug dazu heute? Was hat sich dort geändert?” und im letzten Teil “Wie könnt dein Lieblingsort in der Zukunft aussehen? Welchen Ort kannst du dir erträumen?”

2. Welche Geschichte kannst du selbst erzählen? 

Indem du selbst die erste Geschichte erzählst, kannst du den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Angst nehmen und ihnen einen Eindruck vermitteln, wie eine Geschichte überhaupt aussehen kann.

Was eine gute Geschichte ausmacht, fasst die professionelle Storytellerin Rachel Clarke aus Berlin zusammen, die selbst Erzählcafés ausrichtet: “Einer gut erzählten Geschichte geht immer eine Reflexion voraus. Warum will ich das erzählen? Was war das Wesentliche? Welche Verbindung gibt es zum ‘großen Ganzen’? Wenn dieser Kern klar ist, wird eine Geschichte erzählenswert.”

Nimm dir daher etwas Zeit und überlege: Was war dein Lieblingsort? Stell dir dann selbst die Fragen nach dem Kern der Geschichte und lasse diese Überlegung mit in deine Geschichte einfließen. Vielleicht ist dir der Ort wichtig, weil du die Unbeschwertheit dieser Zeit vermisst, weil du dort etwas erlebt hast, das einen großen Einfluss auf dein Leben hatte, oder weil du dort Menschen getroffen hast, die dir besonders wichtig waren / sind. 

  • Nachbarn einladen

    Erstelle eine Veranstaltung auf nebenan.de, um deine Nachbarn einzuladen. Beschreibe darin kurz das Thema und den Rahmen der Veranstaltung. Zusätzlich kannst du gern auch Aushänge erstellen und in deiner Nachbarschaft verteilen.

Durchführung

Projekt "Fünf Prüfungen des Unternehmers - Ein Wirtschafts-Erzählsalon“ (Bild: Rohnstock Biografien)

  • Einstieg

    Nach der Begrüßung der Gäste solltest du die Gesprächsregeln erklären und in das Thema einführen. Für den Einstieg kannst du auch Hilfsmaterialien wie Filme, Fotos, Gegenstände usw. zur Unterstützung nehmen.

  • Moderierte Erzählphase

    Deine Fragen sollten auf die 3 Erzählphasen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgerichtet sein.

    Die Moderation leitet das Gespräch und stellt Anschlussfragen, um das Gruppengespräch in Gang zu bringen. Je nach Zeit folgen mehrere Erzählphasen aufeinander. Zur Auflockerung kann zwischen Erzählphasen ein Input der Moderatorin, zum Beispiel eine Zusammenfassung oder Informationen zum historischen Kontext, eingeschoben werden.

  • Schlussphase

    In der Schlussphase zieht die Moderatorin ein Fazit, in dem sie Erkenntnisse und Ausblicke für die Zukunft formuliert. Vielleicht hat sich ja herausgestellt, dass unter den Nachbarn ein gemeinsamer Wunsch nach einem neuen Lieblingsort, einer Grünfläche oder einer schönen Bank existiert. So wird der Bogen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschlagen. Danach folgt die Bedankung und die Überleitung in den unmoderierten Teil.

  • Informeller Teil

    Ganz wichtig ist die Abschlussrunde am Ende. Hier können die Nachbarn den Abend entspannt bei einem Getränk und einem Imbiss ausklingen lassen. “Gerade die stilleren Teilnehmer haben dann dann noch einmal Raum, um gehört zu werden. Wenn schwierige emotionale Themen während des Erzählcafés aufgekommen sind, ist in der Abschlussrunde Raum, um sich darum zu kümmern, dass es diesen Teilnehmern gut geht”, betont Johanna Kohn vom Netzwerk Erzählcafé. Wenn konkrete Zukunftspläne entstanden sind, können sich dort auch direkt kleine Gruppen bilden, die sich nächste Schritte überlegen.

  • Nachbereitung

    Erzähle deinen Nachbarn davon! Schreibe einen kleinen Bericht über euer Erzählcafé und veröffentliche ihn als Beitrag auf nebenan.de. Achte darauf, keine Inhalte zu teilen, die für die betreffenden Teilnehmer sensibel oder unangenehm sein könnten. Im Leitfaden findest du unter M9 ein Arbeitsblatt, um die Moderation für dich selbst zu reflektieren.

    Und schließlich: Nach dem Erzählcafé ist vor dem Erzählcafé. Je nach Rückmeldungen der Teilnehmer lohnt es sich, eine regelmäßige Veranstaltungsreihe in deiner Nachbarschaft zu etablieren.

    In deiner Nachbarschaft warten noch eine Menge Geschichten darauf, erzählt und gehört zu werden.

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Dieser Artikel bezieht sich mit freundlicher Genehmigung des Netzwerk Erzählcafé stellenweise auf den exzellenten Leitfaden “Erzählcafés veranstalten” und wurde für das Thema Nachbarschaft angepasst. Einzelne Arbeitsblätter (M1, M2 etc.) zu verschiedenen Themen finden sich im Leitfaden wieder.

Weiterführende Links

Katrin Rohnstock veranstaltet seit 2005 Erzählsalons und hat eine Fortbildung für sogenannte Salonniere entwickelt: https://www.rohnstock-biografien.de/erzaehlsalon/

Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz ist eine gemeinsame Initiative der Fachhochschule Nordwestschweiz (Soziale Arbeit, Institut für Integration und Partizipation) und dem Migros-Kulturprozent (Direktion Kultur und Soziales). Ihr Leitfaden und weitere Ressourcen können kostenlos auf der Website heruntergeladen werden: https://www.netzwerk-erzählcafé.ch/de/mitmachen/leitfaden

Storytellerin und Schauspielregisseurin Rachel Clarke https://www.rachel-clarke.de veranstaltet seit Anfang 2015 an verschiedenen Standorten in Berlin und bundesweit Weiterbildungen in der Erzählkunst und die Storytelling Arena, eine mehrsprachige interkulturelle Erzählbühne, mitunter in der KulturMarktHalle, dem Landesgewinner Berlin des Deutschen Nachbarschaftspreises 2018.


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Jonas Baumgart | nebenan.de

Jonas ist bei nebenan.de seit Oktober 2017 der Ansprechpartner für Besonders Engagierte Nachbarn. Zuvor arbeitete er als Event-Manager und Volontär in verschiedenen Projekten von Dresden über Dublin bis Südamerika.