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Diese Frauen zeigen: Der Weg aus der Einsamkeit beginnt nebenan


Einsamkeit in Deutschland nimmt zu. Laut Studien fühlen sich mittlerweile zwei von drei Menschen einsam. Dabei ist Einsamkeit so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag. Doch der Ausweg kann direkt vor der Haustür, in der eigenen Nachbarschaft beginnen – ausgerechnet mithilfe des Internets.

„Es kostet schon Überwindung, sich einzugestehen: Hilfe, ich bin einsam. Und das auch offen zuzugeben, um neue Leute kennenzulernen. Diesen Schritt zu gehen, ist mir nicht leichtgefallen“, erzählt die 38-jährige Olga.

Olga ist vor über einem Jahr mit ihrer 15-jährigen Tochter von Minden nach Hamburg gezogen, der Liebe wegen. Als die Liebe nicht hält und der Kontakt zu Freunden aus der Heimat abreißt, sitzt sie immer öfters abends alleine zu Hause. „Das sind die Momente, wo ich mir eine gute Freundin wünsche. Die spontan bei mir vorbeikommt, mit der ich über meinen Tag und meine Sorgen sprechen kann.“ 

Olga aus Hamburg (Bild: privat)
Olga aus Hamburg (Bild: privat)

Olga weiß: Es dauert seine Zeit,in einer neuen Stadt Fuß zu fassen. Bis zu fünf Jahre lang, hat sie gelesen. Aber so lange will sie nicht warten. Sie tritt einem Chor bei und hofft, dort neue Kontakte zu knüpfen.

Doch leider verschwinden alle nach zwei Stunden Probe wieder in ihrem eigenen Leben. Es bleibt bei höflichen, oberflächlichen Bekanntschaften.

Bei der Arbeit läuft ihre Suche nach Freundschaften ebenfalls ins Leere.

Einsamkeit hat nicht Alleinsein als Voraussetzung; auch innerhalb der Familie oder im Kollegenkreis fühlen sich Menschen einsam. Zu diesem Schluss kommt die repräsentative Studie „Einsamkeit und Gemeinschaft“ des Marktforschungsinstituts Harris Interactive aus dem Jahr 2014.

Laut der Studie fühlen sich mehr als 60 Prozent der Menschen in Deutschland einsam. Ein weiteres Ergebnis: Einsamkeit ist kein reines Phänomen des Alters. Auch junge Menschen sind stark von Einsamkeit betroffen. Innerhalb der Altersgruppe 40-49 ist der Anteil schwerer Einsamkeit am höchsten.

Kontaktsuche im Internet

Olga versucht schließlich im Internet ihr Glück. Sie probiert Facebook-Gruppen wie „Neu in Hamburg“ oder Apps wie „Go Crush“ aus. Doch als alleinerziehende Mutter mit Vollzeitjob hat sie weder Zeit noch Nerven, für eine Verabredung quer durch die Stadt zu fahren. „Dafür reicht meine Energie nicht. Für mich ist es wichtig, neue Leute in der Nähe kennenzulernen, die ich auch mal spontan treffen kann.“

Fündig wird Olga schließlich in ihrem eigenen Viertel. Sie meldet sich auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de an. Bei ihr in „Rahlstedt West“ sind rund 300 Personen registriert; in der näheren Umgebung sind es 1.500. In den ersten Monaten beobachtet sie gespannt, worüber sich ihre Nachbarn online austauschen. Katzensitter gesucht, Kinderbett zu verschenken; Nachbarn verabreden sich zum Kochen, Kleidertausch und Bowling.

Schließlich nimmt Olga ihren Mut zusammen und veröffentlicht ihren ersten eigenen Beitrag mit dem Titel „Auf der Suche nach Freundschaften…“   

(Screenshot: nebenan.de)
(Screenshot: nebenan.de)

"Liebe Nachbarn!

Ich lebe seit etwas mehr als einem Jahr in Hamburg und leider haben sich bisher keine Freundschaften entwickelt. Es gibt Bekanntschaften auf Arbeit und im Chor. Aber mit diesen Menschen teilt man nicht mehr, als die Arbeit oder die Chorprobe. Ich würde mir aber private Freundschaften wünschen, mit denen man gemeinsam ins Kino, Theater oder Essen geht.

Auch gemeinsam verbrachte Abende zu Hause sind schön. Ich weiß nur leider nicht mehr, wo ich mich noch auf die Suche begeben kann. Ich bin 38 Jahre und habe eine 15jährige Tochter. Vielleicht liest jemand das hier, dem es ähnlich ergeht und meldet sich einfach bei mir.

Ich würde mich freuen."

Neue Freunde aus der Nachbarschaft

Das war nicht ohne. Ich hab‘ lange darüber nachgedacht, wie ich den Beitrag formuliere. Natürlich fragt man sich: Was sollen die Leute über einen denken? Aber die Resonanz hat mich echt überrascht!

Olga bekommt viele aufmunternde Rückmeldungen; anderen scheint es ähnlich zu gehen. Eine Einladung zum Stammtisch im Viertel ist unter den Kommentaren und in ihrem Postfach landen mehrere private Nachrichten von ihren Nachbarn. Schon wenige Tage später hat Olga ihr erstes „platonisches Blind Date“ mit ihrem Nachbarn Nico, der nur wenige Straßen weiter wohnt. Mit Nico geht sie auf eine Veranstaltung, sie sind sich sympathisch, wollen sich demnächst wieder treffen.

Auch mit einer Nachbarin, die selbst noch nicht lange in Hamburg wohnt, trifft sich Olga. Die Chemie stimmt: „Alexandra und ich haben uns auf Anhieb gut verstanden. Wir haben schon das nächste Treffen in zwei Wochen geplant, wo sich auch unsere Kinder kennenlernen werden.“

Der Anonymität entgegenwirken

Olga steht, wie sie selbst sagt, „noch am Anfang ihres Wegs aus der Einsamkeit“. Sie hat zaghaft ihre Fühler ausgestreckt und tastet ihre digitale Nachbarschaft nach Gleichgesinnten ab. Die Chancen auf neue Freundschaften stehen sehr gut, weiß Ina Remmers. Sie hat das Social Start-Up nebenan.de 2015 mitgegründet. 

 „Wir kennen ganz viele Beispiele, bei denen aus Nachbarn echte Freunde geworden sind. Über die Plattform verabreden sie sich zuerst unverbindlich zum Feierabendbier, Tischtennis oder Kino und merken dann: Wow, da wohnen ja richtig nette Menschen in meiner Nähe!“ 

Deutschlandweit sind 1,2 Millionen Menschen bei nebenan.de aktiv. Das Ziel der Gründer: Der zunehmenden Anonymität entgegenzuwirken und mehr lokale Gemeinschaft zu ermöglichen. Bei nebenan.de ist der Radius jeder Nachbarschaft auf wenige Straßenzüge begrenzt, die Wege sind entsprechend kurz. Alle Nutzer müssen bei der Registrierung nachweisen, dass sie auch tatsächlich in der Nachbarschaft wohnen.

Dass Nachbarschaftsnetzwerke wie nebenan.de helfen können, der zunehmenden Einsamkeit wirksam entgegen zu treten, zeigen auch erste Studien: Das Forschungsprojekt "Vernetzte Nachbarn", das vom Bundesverband für Stadtentwicklung und Wohnen (vhw) beauftragt wurde, kommt zu dem Schluss: 

Nachbarschaftsplattformen reduzieren das Gefühl von Anonymität und fördern die Identifikation und Verbundenheit mit der Nachbarschaft.

Neuer Anschluss für „Silver Surfer“ 

Renate aus Berlin (Bild: privat)
Renate aus Berlin (Bild: privat)

Auch viele alleinstehende Menschen, die nicht berufstätig sind, sind von Einsamkeit betroffen. Eine von ihnen ist die 66-jährige Renate. Ihr erging es ähnlich wie Olga: Sie zog von Hamburg zu ihrem Mann nach Berlin, weit weg von ihrer eigenen Familie.

Als ihre Ehe in die Brüche ging und der Ruhestand begann, fühlte sie sich oft einsam. Sie sehnte sich nach Anschluss an eine Familie mit Kindern; ihre eigenen Kinder leben in Hamburg und Schleswig-Holstein.

„Es hat mir sehr gefehlt, gebraucht zu werden. Ich habe mir schon immer Enkelkinder gewünscht, an die ich meine Erfahrungen weitergeben kann.“

Bei der Nachbarschaftsplattform nebenan.de schreibt sie: "Liebe Nachbarn! Ich würde mich gern als Leihoma betätigen, da ich viel Tagesfreizeit und leider keine Enkelkinder habe."

So lernt sie ihre Nachbarin Michaela kennen, die mit ihren zwei Söhnen ganz in der Nähe wohnt. Seit über einem Jahr ist Renate nun die „Leihomi“ der zwei Kinder und gut in die Familie integriert.

Neben Michaelas Kindern hütet sie ab und an auch das einjährige Kind von einer jungen, alleinerziehenden Nachbarin. „Es macht mir Spaß zu sehen, wie sehr die junge Mutter es genießt, ein bisschen Freizeit zu haben und auch abends mal ausgehen zu können. Sie ist so alt wie meine Kinder – und mit der Zeit sind wir Freundinnen geworden“, erzählt Renate.

Offline neue Nachbarn kennenlernen

Dass eine gute Nachbarschaft Halt gibt und ein Grund zum Feiern ist, zeigt der „Tag der Nachbarn“, der am 24. Mai 2019 bundesweit stattfindet. Die nebenan.de Stiftung ruft dazu auf, an diesem Tag tausende kleine und große Nachbarschaftsfeste zu feiern und neue Leute aus der Nachbarschaft kennenzulernen.

Schon über 900 Feste wurden seit Anfang März auf der Webseite www.tagdernachbarn.de überall in Deutschland registriert.

Auch Olga überlegt, ein Fest zum Tag der Nachbarn in Rahlstedt zu veranstalten – und ihre Kontakte in der Nachbarschaft weiter auszubauen.


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Hannah Kappes | nebenan.de

Hannah Kappes arbeitet seit 2017 im Kommunikationsteam von nebenan.de. Zuvor war sie als Journalistin und Producerin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig.

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